Gesundheit : Warnung vor dem Domino-Effekt

Generalsekretär des Wissenschaftsrates: Unis müssen mehr kooperieren, aber können nicht noch mehr sparen

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Heute beginnt die Sparklausur des Berliner Senats. Was bedeutet es für die Attraktivität des Wissenschaftsstandortes, wenn die Mittel für die Hochschulen so weit reduziert werden, wie im Augenblick diskutiert?

Wenn tatsächlich wie jetzt angekündigt 200 Millionen Euro aus dem Hochschuletat gekürzt werden, entspricht das ungefähr der Schließung einer ganzen Universität. Das kann sich Berlin politisch nicht leisten, aber schon gar nicht wissenschaftlich oder was die Arbeitsplätze angeht, die dann abgebaut werden müssten. Als Folge würden auch weniger Forschungsmittel eingeworben, so dass wie ein DominoEffekt in den nächsten Jahren noch weitere hoch qualifizierte Stellen wegfallen würden.

Unbestritten muss das Land aber sparen. Können die Hochschulen ausgenommen werden?

Bei der Bewertung der neuen Abbaupläne muss man sich vor Augen halten, dass Berlin eine alte Last zu tragen hatte – als Subventionsinsel bis zur Wiedervereinigung und als frühere Hauptstadt der DDR war es mit einer Fülle von Wissenschaftseinrichtungen überausgestattet. Bei der Angleichung an die allgemeinen bundesdeutschen Verhältnisse hat Berlin bisher sehr viel getan. Aber es gibt eine Grenze. Und die ist inzwischen offenbar erreicht.

Berlin ist offensichtlich ein Magnet für Studenten. Der Finanzsenator drängt nun darauf, zumindest Lehrer und Juristen nicht mehr über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden. Ist es aber nicht grundsätzlich sinnvoll, wenn in der Hauptstadt mit ihren neuen Aufgaben und Institutionen mehr junge Leute studieren als in einer „normalen“ Universitätsstadt?

Man sollte wohl nicht von einem besonderen Hauptstadtbonus in Sachen Hochschulen und Wissenschaft sprechen. Vielmehr kann man sagen, dass Berlin zu den wichtigsten Wissenschaftsmetropolen in Deutschland gehört, die eine große Anziehungskraft für Studenten haben. Bedarfsberechnungen für den Arbeitsmarkt haben sich im Übrigen noch nie als belastungsfähig erwiesen.

Sarrazins Forderung, vor allem die „relevanten“ Fächer zu fördern, also Naturwissenschaft und Technik, ist bei vielen auf Unverständnis gestoßen. Wie beurteilen Sie das aus Sicht der Wissenschaft?

Das ist einfach zu kurz gedacht. Geisteswissenschaftler sind flexibel auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar und werden auch von Wirtschaftsunternehmen sehr gern eingestellt. Insofern ist der Begriff „relevant“ hier wirklich fehl am Platze.

Der Wissenschaftsrat hat im Auftrag des Senats vor einigen Jahren Berlins Hochschullandschaft eingehend begutachtet und dabei Einsparpotenziale zum Beispiel durch mehr Kooperation der Universitäten festgestellt. Wurden diese Einsparungen inzwischen erbracht?

Dieses Gutachten zielt nicht auf Einsparungen ab, sondern auf eine Optimierung des bestehenden Hochschulsystems. Empfehlungen, die zu Einsparungen führen könnten, haben wir nur im Einzelfall gegeben, so zum Beispiel bei der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität. In erster Linie haben wir Kooperations- und Konzentrationsmöglichkeiten zwischen den Universitäten und zwischen den Ländern Berlin und Brandenburg empfohlen.

Beispielsweise?

Wenn ein kleines, relativ unterbesetztes Fach an zwei oder sogar an drei Universitäten vor sich hin dämmert, liegt es nahe, dass eine Universität das ganze Angebot übernimmt und die andere Universität im Gegenzug ein anderes kleines Fach. Da liegen erhebliche Synergiepotenziale. In mindestens zwei Fällen hat der Wissenschaftsrat daher empfohlen, interuniversitäre Zentren zu bilden, in denen kleine Fächer der Freien und der Humboldt-Universität zusammenarbeiten können. Was allerdings nicht umgesetzt wurde. Insofern muss man leider sagen, dass der Berliner Senat die Stellungnahme des Wissenschaftsrats bisher nicht ausreichend genutzt hat, um die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen so zu verbessern, wie es nötig ist. Ein ähnliches Problem zeigt sich nun in den Verhandlungen um Berlins Hochschulmedizin.

Welche Symptome sehen Sie dafür?

In dem vorliegenden Gesetzesentwurf werden grundlegende Empfehlungen des Wissenschaftsrates nicht berücksichtigt, wie die Etablierung eines handlungs- und entscheidungsfähigen Vorstands. Dieser ist aber die Voraussetzung dafür, dass die schwierigen Entscheidungen bei der Fusion erfolgreich bewältigt werden können. Immerhin geht es um mehrere tausend Stellen und einen sehr erfolgreichen Wissenschaftsbereich. Der mir bekannte Gesetzentwurf ist hier zu verzagt. In dieser Woche wird das Plenum des Wissenschaftsrates sich damit befassen.

Gibt es für die Zusammenlegungen von Hochschulen oder Fächern denn Grenzwerte, welche Größe ein Fach für eine effektive Arbeit haben muss?

Für die Mindestausstattung eines Fach kann ich solche Zahlen nicht nennen. Im Grunde ist das auch nicht so wichtig. Aber wenn man ersehen kann, dass ein Fach nur sehr wenige Studenten hat, so gut wie keine Promotionen und Habilitationen hervorbringt und keinen sinnvollen Fachkontext an seiner Hochschule findet, dann ist etwas nicht in Ordnung. In so einem Falle bietet sich die Verlagerung an eine andere Hochschule an, wo das Umfeld günstiger ist.

Schaffen die Hochschulen das?

Darauf müssen sie sich bundesweit einstellen. Es wird nur noch selten gelingen, so genannte Volluniversitäten zu erhalten, die das ganze Fächerspektrum anbieten können. Aber die Universitäten müssen kooperieren, sich auf ihre Schwerpunkte konzentrieren und unterbesetzte Bereiche an andere Hochschulen abgeben. Anders geht es nicht mehr, weil Forschung und Lehre so teuer geworden sind.

Wäre es sinnvoll, Berlins Universitäten unter einem Dach zusammenzuführen, um Geld zu sparen – jedenfalls wenn es bei 85000 Studienplätzen bleibt?

Abgesehen von den sehr unterschiedlichen historischen Hintergründen der Humboldt-Universität auf der einen und der Freien Universität auf der anderen Seite, glaube ich nicht, dass ein solches Mammutgebilde Sinn machen würde. Vielleicht kann man damit sogar Geld sparen. Aber ob damit Forschung und Lehre gedient wäre – und darauf kommt es doch an – wage ich zu bezweifeln. Und: Jeder Qualitätsverlust in der Wissenschaft schadet der Zukunftsfähigkeit dieser Stadt.

Das Interview führte Bärbel Schubert.

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