Gesundheit : Warten auf Arten

Die Zahl der Fische in den Ozeanen ist drastisch geschrumpft. Trotzdem gibt es noch Hoffnung

Elke Bojanowski

Ein Klassiker der Weltliteratur hat ihn unsterblich gemacht, den Marlin. Eindrucksvoll wird sein Kampf mit dem kubanischen Fischer Santiago in „Der alte Mann und das Meer“ geschildert; Ernest Hemingway bekam dafür 1954 den Nobelpreis.

Marline und ihre nächsten Verwandten, die Schwertfische, sind bis heute die unfreiwilligen Helden des Hochseefischens. Hobbyangler scheuen keine Anstrengungen, um die begehrten Trophäen zu erlegen. Doch Begegnungen mit den schnellen Hochsee-Jägern werden immer seltener. Und nicht nur mit ihnen. Hochtechnisierte Industriefangflotten haben die großen Meeresraubfische, neben Schwert- und Segelfischen vor allem Haie und Thunfische, auf geschätzte zehn Prozent ihres Ausgangsbestandes reduziert.

Mit Langleinen rücken die Fischer den gefragten Speisefischen auf den Leib. Dabei werden Leinen von über 100 Kilometer Länge ausgebracht. An diesen sind in regelmäßigen Abständen mit Ködern versehene Haken angebracht; im Extremfall an die 30000 Haken pro Leine. Die Leinen sind mit Schwimmern markiert und werden nach 24 bis 48 Stunden wieder eingeholt.

Fangdaten der weltweit operierenden japanischen Langleinen-Fischerei waren nun Grundlage einer einzigartigen Studie. Ein internationales Forscherteam konnte mit Hilfe dieser Daten erstmals die Entwicklung der Artenvielfalt im offenen Ozean im Verlauf der letzten fünf Jahrzehnte nachzeichnen, wie die Wissenschaftler im Fachblatt „Science“ berichten.

Das Ergebnis ist erschreckend. Die Überfischung der Meere hat die weltweiten Fischbestände nicht nur zahlenmäßig dezimiert, sondern auch die Artenvielfalt drastisch reduziert. So ist zum Beispiel bei Thunfischen und Schwertfischen im Atlantik und im Indischen Ozean nur etwa die Hälfte des ursprünglichen Artenspektrums übrig geblieben. Im Pazifik verschwand im Schnitt ein Viertel aller untersuchten Arten.

Veränderungen der Fischbestände können auch von natürlichen Phänomenen ausgelöst werden. Eines der bekanntesten ist El Nino, ein Klimaphänomen, das vor allem im Pazifischen Raum zu ungewöhnlichen Wettersituationen führt. Durch Veränderungen der Strömungs- und Nährstoffbedingungen sind auch Meeresorganismen davon massiv betroffen.

Natürliche Schwankungen pendeln um einen gewissen Grundwert, Auf und Ab wechseln sich ab. Die vorgelegte Studie zeigt dagegen einen kontinuierlichen, globalen Abwärtstrend der Artenvielfalt.

Die Forscher stellten außerdem fest, dass die Großfische nicht gleichmäßig im offenen Meer verteilt sind. Sie konzentrieren sich in „Hotspots“, Ozeanbereichen mit einer großen Zahl verschiedener Arten. Bestimmt von Faktoren wie der Temperatur des Oberflächenwassers und der Menge an tierischen Kleinstlebewesen, sind diese Hotspots über Jahrzehnte vorhersagbar in bestimmten Regionen zu finden, zum Beispiel südlich der Hawaii-Inseln oder östlich des Großen Barriere-Riffs vor Australien. Allerdings sind die heute vorhandenen Hotspots „nur Relikte dessen, was einmal da war“, sagt Boris Worm, einer der verantwortlichen Meeresbiologen der Studie von der kanadischen Dalhousie-Universität. Viele sind mittlerweile völlig verschwunden.

Aber die Identifizierung dieser wenigen, besonders artenreichen Meeresregionen birgt auch Hoffnung für Umweltschützer. Denn bis dato galt der Schutz von Hochsee-Arten als nahezu unmöglich. Man ging davon aus, dass die Tiere sich in ihrem riesigen Lebensraum zu unvorhersehbar bewegen. Die Studie hat nun gezeigt, dass es in der Tat bestimmte Areale gibt, auf die man sich in seinen Schutzbemühungen sinnvoll konzentrieren kann. Neben den entdeckten Hotspots gehören dazu auch die Regionen, in den Fortpflanzung und Eiablage der Tiere stattfindet. Vor der Südostküste der USA sind Letztere bereits teilweise geschützt. Ein Ausdehnen vorhandener Schutzzonen auf die nahe gelegenen Hotspots würde dort, ähnlich wie vor der australischen Nordostküste, schon ausreichen, sagt Worm.

Für ihn hat die Erhaltung der marinen Artenvielfalt höchste Priorität. Denn nur diese Vielfalt gibt dem Ökosystem Meer die nötige Flexibilität, um auf veränderte Umweltbedingungen reagieren und sie überleben zu können.

Und ein positives Beispiel für weltweite Maßnahmen zum Schutz von Meerestieren stimmt ihn optimistisch: das Verbot des kommerziellen Walfangs durch die Internationale Walfangkommission im Jahr 1986. Es hat zwar nicht zum völligen Ende der Jagd geführt, aber einige stark dezimierte Walpopulationen haben sich deutlich erholen können.

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