Gesundheit : "Warten, warten, warten!"

ULRIKE MEIER

Zwei Jahre von der Anmeldung bis zum ersten Lehrer-Staatsexamen / Prüfungsamt: Im Verfahren ganz besondere Sorgfalt nötigVON ULRIKE MEIER"Warten, warten, warten! Das ist es doch, was dich verrückt macht!" Thomas Grüßing und Rainer Wolff haben es schon seit mehr als einem halben Jahr hinter sich, und trotzdem werden sie noch immer richtig wütend: über ihr erstes Staatsexamen für angehende Lehrer."Das ist völlig unnötiger Streß, den man durch diese Warterei hat", sagt Thomas Grüßing, der dafür ebenso wie Wolff vor allem das zentrale Landesamt für Lehramtsprüfungen Berlin (LLB) in der Bredtschneiderstraße verantwortlich macht.Das Amt organisiert die Staatsexamen und nimmt in seinen Räumen gemeinsam mit den Uni-Professoren die Prüfung ab. Von Verzögerungen bei den Examensprüfungen bis zu einem oder anderthalb Jahren ist immer wieder zu hören.Die beiden Freunde hat es noch schwerer erwischt, fast zwei Jahre brauchten sie dafür.Beide studieren auf das Amt als "Lehrer mit zwei Fächern".Damit gehören zu ihrem Examen eine viermonatige Hausarbeit in einem ihrer Studienfächer, dazu Klausur, Vortrag und mündliche Prüfung im zweiten Fach und eine Prüfung in Fachdidaktik. Für Thomas Grüßing und Rainer Wolff begann das Examen, als sie am 25.April 1995 beim LLB die Zulassung zur Hausarbeit beantragten.Gut drei Monate mußten sie warten, bis ihnen das LLB ihre Themen zustellte.Natürlich hatten sie die vorher mit ihrem Prof abgestimmt, aber mit dem Schreiben anfangen konnten sie während der Wartezeit nicht.Das Prüfungsamt nickt den Antrag nämlich nicht nur ab.Bei Thomas Grüßing erweiterte der zuständige Fachreferent das Thema, bei einer anderen Kandidatin wurde es erheblich konzentriert. Grüßing und Wolff hatten ihre Arbeiten zu Nikolaus 1995 in trocknen Tüchern.Sie entschieden sich, die übrige Abschlußprüfung aufzuteilen: erst das eine Fach zu Ende zu bringen, dann das zweite in Angriff zu nehmen.Gleich am zweiten Januar 1996 meldeten sie sich für den ersten Teil an, zweieinhalb Monate später durften sie die Klausur schreiben.Thomas Grüßing freut sich heute noch, daß er im März telefonisch nachgefragt hatte, wann der Termin käme: Ganz nebenbei erfuhr er dadurch, daß die Themen in den einzelnen Prüfungsblöcken versehentlich vertauscht worden waren."Sonst hätten wir erst im Prüfungsraum gemerkt, daß wir vor einer Klausur sitzen, auf die wir uns gar nicht vorbereitet haben", sagt Wolff.Beide "schluckten" die Änderung, um das Verfahren nicht weiter zu verzögern.Trotzdem dauerte es drei Monate, bis sie sich Mitte Juli zur mündlichen Prüfung vorstellen durften.Allerdings nicht ohne eine kurzfristige Terminverschiebung.Die gab es auch im folgenden immer wieder - schlecht für die Vorbereitung, findet Grüßing: "Es ist schwierig, das Niveau über die Zeit zu halten." Immerhin waren er und Wolff durch die Wartezeiten im ersten Fach gewarnt.Schon Anfang Mai und nicht erst nach Abschluß des ersten Faches im Juli meldeten sie sich für ihre unterschiedlichen Zweitfächer an.Da Grüßing Probleme hatte, einen Termin für die mündliche Prüfung zu bekommen, war er erst Anfang März 1997 mit seinem Examen durch, Wolff "schon" am 7.Januar, sechs Monate nach der Anmeldung im Zweitfach."Das ist doch absolut unverständlich", meinen beide, "wir haben am gleichen Tag angefangen, und einer ist fast auf den Tag genau zwei Monate später fertig." "Wenn ich das bei meiner Freundin in Oldenburg sehe, da geht es doch auch anders", ergänzt Grüßling."Die weiß heute schon auf den Tag genau, wann sie fertig wird, und das dauert höchstens ein Jahr." Mit ihrer Kritik an der Dauer des Prüfungsverfahrens stoßen beide beim Leiter des LLB, Michael Eckardt, auf Zustimmung."Die Prüfungszeiten sind eindeutig zu lang", bestätigt er - allerdings auch, weil viele Studierende darum bäten.Bei einer Berechnung der durchschnittlichen Examenszeiten kam das Amt für 1994 / 95 auf knapp sechs Monate ohne Hausarbeit.Das ist immer noch länger als in Niedersachsen, dessen oberster Lehrerausbilder Dietram Gerlach entsetzt ist, als er von so mancher Prüfungszeit in Berlin hört: "Das kann ich mir gar nicht vorstellen", sagt er, "die Prüfungen müssen in einem vernünftigen zeitlichen Verhältnis zueinander stehen.Das Prüfungsamt ist dazu verpflichtet." Der Mann hat gut reden, denn in Niedersachsen gibt es feste Prüfungsperioden.Zu einem Stichtag muß die Anmeldung vorliegen, dann läuft die Zeit: ein Semester inklusive Hausarbeit für "normale" Lehrer, zwei für Studienräte. In Berlin aber hat man sich anders entschieden, und viele Studierende sind dafür dankbar: Die Prüfungen laufen individuell ab.Prüfungsphasen gibt es nur im Fach "Erziehungswissenschaft und eine andere Sozialwissenschaft", in dem sich jeder Lehramtskandidat prüfen lassen muß.Seit der Versuch gestartet wurde, dauern die Prüfungen zum Teil noch länger als vorher - Prüfermangel auf Seiten der Unis. Die Professoren bilden für Eckardt insgesamt einen Engpaß im Verfahren."Seit sie kein Honorar mehr für die Prüfungen bekommen, möchten sie sie am liebsten bündeln, um nicht für Einzelne die Fahrt antreten zu müssen", sagt Eckardt.Das macht die Organisation schwierig.Zum anderen werden in den Lehramtsstudiengängen immer mehr Stellen abgebaut, und damit sinkt die Zahl der Prüfer - die TU habe gerade noch eine Prüferin für das stark nachgefragte Fach Psychologie.Auch die Behörde hat mit Stellenabbau zu kämpfen, acht von 17 Referentenstellen haben einen "kann wegfallen"-Vermerk, werden also verschwinden. Staatsexamensprüfungen an die Unis zu verlegen - wie viele Studierende vorschlagen, um Wege einzusparen - ist für Eckardt keine Alternative.Das Prüfungsverfahren müsse besonders sorgfältig gehandhabt werden, wegen des staatlichen Monopols auf den Berufseinstieg, der damit verbunden ist.Es sei wichtig, auch die äußeren Prüfungsbedingungen genau unter Kontrolle und die Justiziarin in der Nähe zu haben: Lehramtskandidaten könnten schließlich aus vielen Gründen juristisch gegen ihre Prüfungen vorgehen, zum Beispiel auch, wenn sie zu Beginn ihres Examens in einen anderen Raum umziehen müßten - an der Uni nicht unvorstellbar.Im Übrigen würde das Pendeln damit nicht aufhören, vermutet er: Aufgrund des Prüfermangels gehören Professoren und Examenskandidaten nicht mehr unbedingt zur selben Uni. Thomas Grüßing und Rainer Wolff haben sich inzwischen für das Referendariat angemeldet.Seitdem heißt es wieder: "Warten, warten, warten." Wie berichtet, sind zwei Jahre nach Auffassung der Gerichte eine erträgliche Zeit, auf eine Referendariatsstelle zu warten.

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