Gesundheit : Warum bekommen wir eine Gänsehaut?

Thomas de Padova

Im durchdringenden Jubel des Frühlings lässt auch unsereins alle Winterhüllen endgültig fallen. Die Sonne scheint! Wir krempeln die Ärmel hoch, tragen das Oberteil wieder bauchfrei und die Hosenbeine kürzer. Aber ein kalter Luftzug genügt, und schon stellen sich uns an Armen und Beinen sämtliche Härchen hoch.

An jedem dieser Härchen zieht, als gelte es, eine Eisenbahnschranke in die Höhe zu bringen, ein kleiner Muskel. Bei plötzlicher Kälte zerrt er an der Haarwurzel und mit seinem anderen Ende an der Oberhaut. Die Kontraktion dieses Musculus arrector pili ist so stark, dass sich das Haar aufrichtet und gleichzeitig eine Vertiefung in der oberen Haut entsteht: Die Haut wird uneben und rau wie die einer gerupften Gans.

„Die Gänsehaut schützt uns davor, die Körperwärme allzu rasch zu verlieren“, sagt Carsten Niemitz, Humanbiologe und Anthropologe an der Freien Universität Berlin. Denn die aufgerichteten Härchen verringern die Luftströmung an der Hautoberfläche. Und mit dem gebremsten Wind werden auch die bereits erwärmten Luftmoleküle nicht mehr so schnell von der Haut weggerissen: Die Haut kühlt nicht mehr so schnell aus.

Dass sich uns die Haare mitunter auch vor Angst und Schrecken sträuben, scheint dagegen ein weniger zweckmäßiges Erbe zu sein. Der Frühmensch hatte jedoch ein dickeres Fell als wir. Beim Anblick eines Feindes plusterte er sich regelrecht auf – und erschien plötzlich größer als er tatsächlich war. Bei unseren nahen Verwandten, den Schimpansen, lässt sich das heute noch beobachten. Und auch der Hund, des Menschen liebster Begleiter, kriegt in bedrohlichen Situationen oder vor lauter Angriffslust eine „Bürste“: Die Nackenhaare stehen ihm ausdrucksstark zu Berge.

Unser Bürstchen dagegen ist ziemlich ausgedünnt. Die Abwehrgeste und das Imponiergehabe haben sich in einen blassen Gänsehaut-Thrill und den mitunter zarten lustvollen Schauer verwandelt. Eindruck können wir damit kaum noch machen.

AHA!

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