Gesundheit : Warum eine Wissenschaftssprache Deutsch?

Hermann H. Dieter

Brauchen wir in Deutschland noch eine eigene Wissenschaftssprache, ja, wird überhaupt noch eine andere Wissenschaftssprache als das Englische benötigt? Meinungen dazu finden unter Wissenschaftlern, namentlich unter Naturwissenschaftlern, ein unterschiedliches Echo. Die einen mögen es gar nicht fassen, dass eine solch unbedarfte Frage überhaupt gestellt wird, während andere sich sofort und gerne an der Diskussion beteiligen, fast, als fühlten sie sich von einem Fragetabu befreit.

Tatsache ist: Das Thema wird nicht nur unter Geistes-, sondern auch unter Naturwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Zwar könnte man der These von der leichteren Verständigung unter Wissenschaftlern auf Basis einer einzigen "lingua franca"- einer weltweit beherrschten Sprache - ohne weiteres folgen. Aber dient sie nicht dazu, eine gewisse Sprachenfaulheit des offiziellen Wissenschaftsbetriebs zu beschönigen? Auch die These, die einzelnen Wissenschaftler seien von "ihrer" lingua franca vorbehaltlos überzeugt, ist weder stichhaltig noch soziolinguistisch überprüft. Das genaue Gegenteil hat kürzlich eine Umfrage von Haße und Fischer bei Hunderten deutschsprachiger Ärzte bewiesen. Über 90 Prozent wünschten sich internationale Kongresse in Deutschland zumindest zweisprachig. Genau diesen Vorschlag enthielt ein Offener Brief von Ende Juli 2001 mit den Unterschriften von fast 40 namhaften Naturwissenschaftlern und Medizinern an die Kultusminister der Bundesländer. Er ging auch an viele Mitwisser, wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.

Das Hauptproblem ist: Die deutscheSprache verliert ihre Funktion (ebenso wie andere nicht-englische Kultursprachen) im hochrelevanten Übergangsbereich zwischen der Gesamtheit der Wissenschaftler und anderen Bereichen der Gesellschaft. In dieser Funktion geht es um ihre künftige Rolle als Sprachbrille für die Erfassung der natürlichen und kulturellen Wirklichkeit, also nicht nur von herauspräparierten Laborweisheiten oder einzelnen Geistesblitzen. Für die Qualität von Sprache in diesem Übergangsbereich gelten auch Kriterien der inhaltlichen Vielschichtigkeit: ihre Funktion als Werkzeug des Denkens, der Findung neuer Erkenntnisse durch "Denkversuch und Irrtum" und des gesellschaftlichen Bedarfs an kommunikatorischer Mehrdeutigkeit. Außerdem geht es um die Sicherung kultureller Kontinuität eines Landes.

Selbst die Wissenschaftler benutzen ihre lingua franca ja nicht nur zur Kommunikation und Information, sondern ganz egoistisch auch in einem ihre eigene Gemeinschaft stabilisierenden Sinn. Das Produkt wird allerdings verschleiernd "scientific community" statt "Gemeinschaft der Wissenschaftler" genannt. Durch solchen, beispielhaft unwissenschaftlichen Gebrauch, eher Missbrauch ihrer freien Sprache, "befreit" sich die Gesamtheit der Wissenschaftler vom Rest der Gesellschaft. Das dient nicht dem Erkenntnisfortschritt, sondern hemmt ihn. Nicht nur angewandte, sondern auch die Grundlagenforschung findet neue Erkenntnisse nämlich nicht durch logisches Schließen, sondern durch Zufall, Versuch und Irrtum und die Suche nach Antworten auf Fragen, die normale Menschen stellen. Durch die sprachliche Ausgrenzung dieses "Restes" der Gesellschaft kappt die "scientific community" die lebenswichtige Bindung an ihr gesellschaftlich-kulturelles Umfeld.

Heute verschwindet die "scientific community" allerdings nicht im Elfenbeinturm. Stattdessen wird sie zur kommerziellen und kaum mehr demokratisch oder sachlich zu steuernden Großforschung. So wird die (nicht englische) gesellschaftliche Information und Kommunikation in der Mutter- oder Landessprache über wichtige Zukunftsfragen immer schwieriger und lückenhafter. Und wenn - wie bereits heute in Russland - die demokratische Kontrolle der angewandten Forschung und deren interdisziplinär-fachliche Transparenz verloren geht, dann schaffen es allmählich sogar wissenschaftlich blendende Scharlatane, un- bis blödsinnige Projekte von der Allgemeinheit bezahlt zu bekommen.

Die Wissenschaftler sollten sich schon im eigenen Interesse aus dieser Gemengelage nicht einfach durch einen sprachfaulen Rückzug in ihre lingua franca befreien. Denn keine leistungsfähige Wissenschaftssprache, auch nicht die englische, kommt ohne ständigen Rückgriff auf den Wortschatz und die erklärenden Bilder "ihrer" Muttersprache aus. Unser aller Muttersprache Deutsch ist nicht nur ein extrem wichtiges Kulturprodukt, sondern auch ein komplexes "Sozial"produkt. Sie entsteht alle Tage neu. Sprecher der Alltagssprache sind wir alle. Nicht die Sprache kann sich selbst, sondern nur wir können sie und uns weiterbilden. Zurzeit strotzt sie nur so von Modeanglizismen. Selbst Politiker, die neuerdings so gerne die Wichtigkeit des Deutschunterrichts betonen, lehnen es ab, ihr wichtige Schlüsselbegriffe anzuvertrauen. Headquarters oder power point (Steckdose!) müssen einfach schicker klingen als "Wahlkampfleitstelle". Selbst ein "falsches Englisch im Deutschen" scheint demnach ausdrucksstärker als gutes Deutsch. Ist es vor diesem Hintergrund erstaunlich, dass Wissenschaft, Technik und Ökonomie die Zeichen der Zeit verstehen, und lieber gleich auf richtiges Englisch setzen? Warum sollten sie noch eine Sprache benutzen, der gegenüber im Alltag sogar ein falsches Englisch vorgezogen wird, um Modernität und Zukunftstüchtigkeit zu signalisieren? Die Akademie für Sprache und Dichtung vermisst eine Bereitschaft zur Spracherneuerung und aktiven Entwicklung unserer Landessprache. Die gegenseitige Wechselwirkung, ja Abstoßung zwischen der Alltagssprache einer Spaßgesellschaft und den ernsthaften Fachsprachen sieht sie nicht. Sie sieht nicht, wie eng die modische Anglisierung der deutschen Alltagssprache, ihr schlechtes Image nach innen und außen, ihre vorgebliche Altbackenheit sowie der modische Abschied von Wissenschaft und Wirtschaft aus der deutschen Sprache sich gegenseitig bedingen, ja verstärken.

Noch "bilden" und tragen unsere Wissenschaftler einen Teil der kulturellen Identität der Staaten Europas und ihrer wissenschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit. Wenn dies so bleiben soll, dürfen sie sich nicht aus ihren Landessprachen verabschieden. Vor allem sollten sie ihre lingua franca nicht für gruppenegoistische Zwecke missbrauchen. Sie sind gehalten, das Kulturgeschenk lingua franca zweckentsprechend zu nutzen und weiterzuentwickeln. Die Zwecke sind Information, Kommunikation, Gewinnung und Vermittlung neuer Erkenntnisse nach innen und außen, sowie das Aufgreifen von Fragen aus dem sozialen Umfeld. All dies kann nur gelingen, wenn die lingua franca in den nationalen Wissenschaftssprachen verwurzelt bleibt - nicht nur im Interesse der Wissenschaft, sondern der gesamten Gesellschaft und der sie jeweils tragenden Kultur.

Auch "die Wissenschaft" ist Teil der Gesamtgesellschaft. Deshalb sollte, wer zur wissenschaftlichen Elite Europas gehören will, dies endlich auch dadurch beweisen, dass er oder sie mehr als nur zwei Sprachen spricht. Und die Mutter- und Denksprache natürlich am besten. Wer sich allerdings, wie offenbar unser Kulturstaatsminister Nida-Rümelin zuletzt am 24. Januar im Deutschen Bundestag, schon für fortschrittlich hält, wenn er den Wissenschaftlern rät, doch "auch" auf Englisch zu publizieren, der hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht verstanden. Einen solchen Rat haben unsere Wissenschaftler wirklich nicht mehr nötig. Sie sind längst gezwungen, ihn auf "publish or perish" ("schreib oder stirb") zu befolgen.

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