Gesundheit : Warum in Deutschland zu wenig Ausländer studieren

Anna Kochs

Eine dreitägige Konferenz beschäftigt sich mit der situation ausländischer StudierenderAnna Kochs

Vor 85 Jahren erhielt der Rektor der Universität zu Rostock eine Mitteilung vom Großherzoglichen Justizministerium Schwerin: Er wurde aufgefordert, alle zur Zeit immatrikulierten Studenten aus Ländern, mit denen Deutschland sich im Kriegszustand befand, sofort von den Vorlesungen auszuschließen. So viel zur Situation ausländischer Studenten an der Uni Rostock im Jahre 1914. Heute sind die Kommilitonen aus dem Ausland zwar offiziell willkommen, doch wird ihnen der Aufenthalt in Deutschland nicht immer leicht gemacht.

Auf einer dreitägigen Konferenz unter dem Titel "Willkommen zum Studium?!" treffen sich zur Zeit Vertreter kirchlicher Organisationen, der Hochschulen und Studierende auf Einladung der Evangelischen Akademie zu Berlin. Sie diskutieren über die Lage von Studierenden aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa, die ihr Studium an einer der Universitäten in den neuen Bundesländern absolvieren. Im Wintersemester 1997/98 waren insgesamt 146 000 ausländische Studierende an deutschen Hochschulen immatrikuliert, von denen 65 000 aus den Entwicklungs- und Schwellenländern des Südens oder aus Osteuropa kamen. Wolfram Herold, seit acht Jahren Ausländerbeauftragter der Universität Leipzig, weiß einiges über die Probleme ausländischer Studierender zu berichten. Bereits bevor sie ihr Studium aufnehmen könnten, würden die Studenten mit Hürden wie Sprachnachweisen oder der langwierigen Beschaffung des Visums konfrontiert.

Hinzu kämen finanzielle Schwierigkeiten. Vor allem die Jobsuche gestalte sich für die Studierenden aus Nicht-EU-Ländern als schwierig. "Viele Firmen wollen keine Ausländer einstellen. Eine Nebenerwerbstätigkeit zu finden wird schwieriger, je dunkler die Hautfarbe ist", so Herold. Die ausländerrechtlichen Rahmenbedingungen kommen erschwerend hinzu, sind doch nicht mehr als 90 Tage Erwerbstätigkeit im Jahr erlaubt.

Was folgt ist eine Kettenreaktion. Das Studium leidet, Miete und Krankenkasse können nicht mehr bezahlt werden. In letzter Konsequenz kann dem Studenten sogar die Ausweisung aus Deutschland drohen, wenn er für die Finanzierung seines Studiums nicht mehr selbst aufkommen kann. Auch Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen seien kein Einzelfall, die Integration der Ausländer durch ihre deutschen Kommilitonen lasse zu wünschen übrig. "Es herrscht keine Aggressivität, aber eine passive Neutralität, in der kein Anteil am Geschick des anderen genommen wird. Vorbehalte sind nach wie vor spürbar", so die Bilanz des Ausländerbeauftragten.

Mit eben diesen Problemen wird auch Petra Molnar, Referentin des Studienbegleitprogramms Ost der Evangelischen Studentengemeinde, in ihrer Sprechstunde an der Universität Magdeburg tagtäglich konfrontiert. Sie fordert eine verstärkte Zusammenarbeit der Einrichtungen: "Was wir brauchen ist eine intensivere Betreuung für die Studenten aus dem Ausland." 98 Prozent der Studierenden müssten unter diesen Bedingungen selbst für die Finanzierung ihres Unterhalts sorgen - vielen gelinge dieser Spagat zwischen Vorlesung und Job nicht.

Da lassen die Worte von Ludwig Tuercke vom Bundesbildungsministerium, der in "absehbarer Zeit" eine Verbesserung der Bedingungen für die betroffenen Studenten in Aussicht stellt, Hoffnung aufkeimen. Er kündigte Erleichterungen beim Zuzug, den Aufenthaltsverfahren und die Möglichkeit der Promotion im Anschluss an ein Studium an. Die Befürchtung, ein Studium an deutschen Universitäten werde für ausländische Studierende zunehmend unattraktiver, will Tuercke, nicht gelten lassen: "Der hiesige Hochschulstandort ist im internationalen Vergleich durchaus konkurrenzfähig."

Dem widerspricht eine Studie des Studentenwerks: Die Universitäten hierzulande werden danach nur attraktiver, wenn die finanzielle Lage der ausländischen Studierenden verbessert und ihre Integration gefördert wird. Denn nur ein verschwindend geringer Teil der Studenten kommt in den Genuss eines Stipendiums, wie etwa Francois Manishimwe Rwasa aus Ruanda. Er erinnert er sich noch gut an sein erstes Semester als BWL-Student in Leipzig: "Nachts habe ich für zehn Mark die Stunde Zeitungen gestapelt und morgens saß ich todmüde in der Vorlesung."
© 1999

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben