Gesundheit : Warum ist das Watt voller Löcher?

Thomas de Padova

Das Watt ist wurmstichig. Voller Löcher. Überall sieht man kleine Eingänge: Trichter, in denen ein wenig Wasser steht. Auf den Ausgängen dagegen liegen gekringelte Sandhäufchen. Gerade so, als wäre hier ein winziger, weit entfernter Verwandter des Maulwurfs am Werk.

Arenicola marina, der Wattwurm, führt im Vergleich zum Maulwurf jedoch ein ziemlich ruhiges Leben. Er gräbt nicht fortwährend neue Gänge, um Nahrung zu finden. Stattdessen liegt der bis zu 30 Zentimeter lange Wurm ruhig in seiner U-förmigen Röhre.

Und frisst und frisst. Einmal häuslich eingerichtet, fallen ihm seine Mahlzeiten einfach zu. Unentwegt stülpt er seine Mundöffnung ein und aus und nimmt alles auf, was durch die Eingangsröhre nach unten rieselt: Der Wurm isst Sand. Mit kräftigen Bewegungen pumpt er die Sandkörner durch seinen Muskelschlauch und filtert im Verdauungstrakt winzige Kieselalgen, Bakterien und allerlei organische Substanzen heraus.

„Er muss ständig fressen, um aus dem relativ nahrungsarmen Sand möglichst viel rauszuholen“, sagt Nils Volkenborn vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Alle 20 Minuten ist der Wurm vom Kopf bis zum Schwanzende mit Sand voll. Dann schlängelt er sich rückwärts durch die mit Schleim ausgekleidete Ausgangsröhre nach oben und scheidet den geklärten Sand als langen Kringel aus. „So entstehen die kleinen Spaghettihäufchen im Watt", sagt der Biologe.

Die Wattwürmer kauen jedes Jahr den oberen Zentimeter Schlick mehr als 20-mal durch. Etwa 40 Wattwürmer pro Quadratmeter durchlüften den Wattboden auf Sylt oder Amrum und schaffen gute Lebensbedingungen für andere Organismen.

Auch sie selbst gedeihen gut. Unter den Würmern im Watt ist Arenicola marina jedenfalls der dickste. Das macht ihn bei Vögeln beliebt. Pfahlschnepfen und Austernfischer schätzen ihn als Delikatesse. Sie warten nur darauf, dass er einmal wieder an die Oberfläche kommt: Watt’n Wurm!

Picken sie im rechten Augenblick nach ihm, trennt sich der Wurm sofort von seinem Hinterleib. Sein Schwanz ist perforiert. Jeder erfolgreiche Angriff macht ihn um einen Sterz kürzer. Der Schwanz wächst nicht nach. Maximal fünf Jahre hält der Wurm so durch. Dann ist er am Ende.

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