Gesundheit : Warum ist der Mittelfinger am längsten?

Thomas de Padova

Während hier zu Lande der Specht an die Bäume klopft, ist es in Madagaskar das Fingertier. Der kleine Feuchtnasenaffe pocht mit seinem Mittelfinger gegen die Baumrinde. Und lauscht. Das Fingertier sucht im Holz nach Insektenlarven. Wo es welche vermutet, reißt es die Rinde mit den Zähnen weg. Anschließend pult es die Larven mit dem überlangen Mittelfinger heraus.

Das Fingertier hat sich bei der Nahrungssuche sehr erfolgreich spezialisiert. Doch während bei ihm die Vorzüge des langen Mittelfingers auf der Hand liegen, lassen sie sich bei unsereinem nicht ohne weiteres erkennen.

Warum also überragt der Mittelfinger seine Nachbarn?

Auffällig ist, dass sich der Mensch in dieser Hinsicht nicht vom Schimpansen oder Eichhörnchen, ja nicht einmal von den ausgestorbenen Dinosauriern unterscheidet. Wer sich auf vier Beinen fortbewegt – und das war auch das Los unserer urzeitlichen Vorfahren –, für den ist eine Pfote mit einem langen mittleren Zeh nützlich.

Der längste Zeh hat beim Laufen auch am längsten Bodenkontakt. „Wenn dieser Zeh außen säße, bekäme das laufende, springende und sogar das schwimmende Tier zum Schluss nicht nur einen Impuls nach vorne, sondern auch zur Seite“, sagt Kevin Hunt, Anthropologe an der Indiana-Universität in Bloomington in den USA. Das aber würde die Gliedmaßen stark belasten und einen erheblich größeren Kraftaufwand erfordern.

Als die Primaten vor 60 Millionen Jahren die Bäume erkletterten, besaßen auch sie lange Mittelzehen. Als Baumakrobaten erlernten die Menschenaffen dann das schnelle Zugreifen und rasche Loslassen.

Sie pflückten und prüften die Nahrung, und aus den kleinen Vorderpfoten wurden sensible Hände mit immer längeren Fingern. Bis heute ist der Mittelfinger dabei länger als die anderen Fingerglieder geblieben, was einen sicheren Griff mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger ermöglicht: den so genannten Drei-Punkte-Feingriff, mit dem wir zum Beispiel einen Stein beim Werfen oder Hämmern festhalten.

Bei den Zehen liegt die Sache anders. Seit der Entwicklung des aufrechten Ganges hat sich unser gesamter Bewegungsapparat und damit auch unser Fuß stark umgeformt.

Wenn wir den Fuß abrollen, wird die Großzehe am stärksten beansprucht. Sie muss schon beim Stehen einen deutlich höheren Druck aushalten als ihre Nachbarn und hat sich so nach und nach in eine stabile Stütze verwandelt. Der mittlere Zeh dagegen ist in den vergangenen Jahrmillionen sichtlich ins Hintertreffen geraten.

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