Gesundheit : Warum ist es in Berlin so schwer?

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DIE AKTUELLE FRAGE

Wilhelm Hinrichs (63)

arbeitet seit 1992 am Wissenschaftszentrum Berlin. Vorher war er Soziologe an der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Foto: Inge Weik-Kornecki

Der Sozialwissenschaftler Wilhelm Hinrichs vom Berliner Wissenschaftszentrum hat Integrationschancen von ausländischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland untersucht. Die Studie basiert auf Daten der amtlichen Statistik und auf Auswertungen von Umfragen. Analysiert hat Hinrichs die bundesweite Entwicklung der Lebensverhältnisse seit 1985.

Eine der Hauptthesen Ihrer Studie ist: Die Lebensverhältnisse der Ausländer gleichen sich zunehmend denen der Deutschen an. Kommen die Migranten jetzt in der Normalität an?

Das kann man noch nicht sagen. Die Entwicklung der Lebensbedingungen verläuft allmählich in Richtung der Deutschen. Stark integriert sind Migranten bei der Ausübung einer selbstständigen Tätigkeit: Der Anteil der Selbstständigen ist inzwischen auf neun Prozent gestiegen, unter den Deutschen liegt er bei zehn Prozent. Und wer einen Dönerimbiss, eine Gaststätte oder einen Gemüseladen betreibt, hat soziale Kontakte, die zentral für die Integration sind. Aber es gibt nach wie vor erhebliche Lücken in den Lebensverhältnissen.

Woran lässt sich das ablesen?

Beispielhaft am Wohnen: Zwar hat die technische Ausstattung der Wohnungen von Ausländern durchschnittliches deutsches Niveau erreicht, aber es gibt noch ein erhebliches Problem bei der Versorgung mit ausreichend großem Wohnraum. Die gesellschaftliche Norm – ein Wohnraum pro Person – wird bei türkischen Familien nicht erreicht. Oft leben fünf bis sechs Personen in Drei- bis Vierzimmerwohnungen. Ihre Orientierung auf Familie und Kinder ist stärker als bei anderen, und das Angebot an großen Wohnungen ist begrenzt. Außerdem sparen viele, die einen zweiten Wohnsitz in der Türkei haben, hier an der Miete.

Ist es in München oder Köln leichter, Fuß zu fassen, als in Berlin?

Die hiesige Arbeitsmarktsituation ist wegen des Abbaus industrieller Arbeitsplätze schlechter als in München, Köln, Frankfurt oder Stuttgart. Bundesweit gibt es eine Arbeitslosigkeit von zehn Prozent, unter den Türken von 22 Prozent, in Berlin aber haben 42 Prozent keinen Job. Dabei sind die Integrationsherausforderungen in Berlin rein quantitativ niedriger als in anderen Städten. Wir haben einen Ausländeranteil von 13 Prozent, in Frankfurt, Stuttgart, München oder Köln sind es 20 bis 26 Prozent. Aber in Berlin haben wir auch eine stärkere Konzentration der türkischen Bevölkerung, die noch am wenigsten weit integriert ist.

Wie kann Berlin die Problemgruppen doch noch integrieren – und welche Forderungen sollten an die Migranten gestellt werden?

Man muss möglichst auf Individuen und Gruppen bezogene Sprach- und Orientierungskurse anbieten. Neue Migranten und hier Ansässige müssen verpflichtet werden, teilzunehmen. Außerdem brauchen wir eine verbindliche Kindergartenpflicht für Kinder von drei bis sechs Jahren. Die Finanzierung muss vom Bund und den Ländern kommen. Forderungen an Migranten gehen auch in Richtung Bildung: Gerade türkische Familien sollten in der Familie Deutsch sprechen und versuchen, ihre Kindern mehr mit deutschen Spielkameraden zusammenzubringen.

Haben eine gute Schul- und Berufsbildung in bestimmten Migrantengruppen einen niedrigeren Stellenwert als in anderen?

Die Wertschätzung von Bildung in einigen ausländischen Gruppen liegt unter der der deutschen Bevölkerung. Wir finden das häufiger unter Türken als unter Spaniern, Kroaten, Griechen und Polen, die sehr bildungsbewusst sind und öfter einen höheren Bildungsabschluss erreichen.

Gibt es Unterschiede in der Identifikation mit Deutschland und dem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat?

Am verbreitetsten ist eine ambivalente binationale oder transnationale Identität. Auch bei hoher Zufriedenheit mit der Lebenssituation und fester Bleibeabsicht fühlt man sich weiter beiden Ländern verbunden. Doppelloyalitäten sind besonders ausgeprägt bei Türken und Italienern. Kroaten und Slowenen dagegen fühlen sich nach zwanzig bis dreißig Jahren in Deutschland als Deutsche.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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