Gesundheit : Warum Katzen kein Klavier spielen können

Intelligente Muskeln: Erst unsere motorische Geschicklichkeit machte uns zu dem, was wir heute sind – so die Theorie des Zoologen Gerhard Neuweiler

Matthias Glaubrecht

Klavierspiel, so weiß der ehrgeizige Eleve, ist die Kunst, die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt anzuschlagen. So banal dies klingt, so entscheidend ist die Fähigkeit, jeden Finger gezielt bewegen zu können, für die Entstehung des Menschen gewesen. Von allen Eigenschaften, mit denen Generationen von Forschern versucht haben, den Menschen vom Tierreich zu trennen, sind nur das Talent zu sprechen und die Fingerfertigkeit geblieben.

Doch nicht Sprache an sich oder die körperlichen Voraussetzungen wie etwa ein entsprechend gebauter Kehlkopf und Vokaltrakt machten einst aus Primaten den Homo sapiens. Auch sind es nicht allein unsere Gene, die wir ja in hohem Maße mit den uns nächst verwandten Schimpansen teilen. Vielmehr ist es jene motorische Fähigkeit zu sprechen und die Manipulation der Hand, die beide auf komplizierten neuronalen Programmen und Verschaltungen bestimmter Gehirnareale beruhen.

Diese Programme sind in jeder Hinsicht präzise. Auf diese Weise gelingt es, Hand- und Gesichtsmuskeln zu kontrollieren und fein aufeinander abzustimmen. So übernehmen beim Menschen motorische Zentren, die immerhin zwei Drittel des Großhirns ausmachen, die Steuerung der Zungen-, Mund- und Kehlkopfmuskulatur sowie der Hand. Dadurch wird allein der Mensch befähigt, zu sprechen und Wörter zu langen Folgen von Sätzen zu bilden. Und seine Hände derart manipulativ einzusetzen, wie wir dies etwa bei Pianisten sehen. Es ist die „motorische Intelligenz“, die das Sprechen hervorbrachte und die Menschheit entstehen ließ.

Diese These vertrat der Zoologe und Tierphysiologe Gerhard Neuweiler von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität bei einem Kolloquium im Berliner Wissenschaftskolleg. Neuweiler war im akademischen Jahr 2000/2001 als Fellow des Wissenschaftskollegs nach Berlin gekommen, um ein Lehrbuch der Vergleichenden Tierphysiologie zu schreiben. Seinen Vortrag widmete er dem Komponisten György Ligeti zum 80. Geburtstag und erklärte diesen Umstand mit der besonderen Hartnäckigkeit, die den wissensdurstigen Musiker Ligeti den Zoologen Neuweiler bei gemeinsamen Spaziergängen in der stimulierenden Umgebung des Wissenschaftskollegs immer wieder fragen ließ, was denn nun eigentlich den Menschen vom Affen unterscheide.

Warum ist das menschliche Gehirn so viel kreativer als das eines Schimpansen? Warum erkennen wir, wie ähnlich uns Menschenaffen in genetischer Hinsicht sind, und nicht umkehrt? Bei der Suche nach einer befriedigenden Antwort fand Neuweiler die besonderen Merkmale der motorischen Fähigkeiten der Primaten in Kombination mit der typischen Verschaltung im Gehirn allein des Menschen – eben jene motorische Intelligenz.

Die Partitur für das harmonische Zusammenspiel der Muskulatur stammt dabei vom Großhirn. Das Kleinhirn fungiert als Dirigent und überwacht die Ausführung so lange, bis das durch das Orchester – die durch Muskeln bewegten Körperteile – aufgeführte Stück dem Programm entspricht. Im Verlauf der Evolution der Säuger und insbesondere der Primaten gelang es, immer mehr Bewegungsmuster unter die Kontrolle der Hirnrinde zu bringen.

Der Aufbau besonderer Verbindungen der motorischen Zentren im Großhirn, die für die Bewegung von Gesichts- und Handmuskeln zuständig sind, schaltete so die Muskelautomatik der Säuger aus. Die subtile Steuerung der Muskulatur erlaubte auch die Einzelmanipulation etwa der Finger bei höheren Primaten – weshalb Komponisten wie Ligeti Klavier spielen und eben nicht Katzen.

Eine besondere Rolle bei den komplexen menschlichen Bewegungen – der Feinsteuerung etwa des Sprechens, Schreibens und Klavierspielens – spielen Zeitmusterrelationen. Diese müssen in langen, repetitiven Übungen erst erlernt werden, ähnlich wie wir allgemein beim Spielen unsere Motorik trainieren. Die menschliche Sprache aber gibt es nur dank der bravourösen Beherrschung der Gesichtsmuskeln und der „Broca-Fähigkeit“ unseres Gehirns. Neuweiler, für den Denkprozesse gedachte Handlungen sind, sieht nämlich vor allem bestimmte Areale im Großhirn wie die Broca-Region als ursächlich dafür an, dass allein wir in der Lage sind, Laute zu langen Ketten, zu Wörtern und Wortfolgen aneinander zu reihen. Menschen mit Verletzungen just dieser Hirnregion können weder singen noch sprechen.

Keineswegs spricht der Forscher den Menschenaffen die intellektuellen Fähigkeiten ab, einzelne Elemente zu einer Syntax – einer regelhaften Struktur – zusammenzufügen, analog einer gesprochenen Sprache. „Affen mögen viel denken, aber sie können es eben nicht aussprechen“, sagte er. Dazu fehlen selbst Schimpansen jene motorischen Fähigkeiten und spezifischen Verschaltungen der Programmzentren, die erst beim Menschen das Sprechen hervorbrachten. Die neuronale Motorik des Sprechens mache also den entscheidenden Unterschied zwischen Natur und Kultur samt Zivilisation.

Natürlich sei auch diese Fähigkeit des Menschen letztlich genetisch fixiert und durch einen „Dialog zwischen Umwelt und Organismus“ entstanden. Bleibt noch das Rätsel zu lösen, welche Bedingungen in den Lebensumständen frühmenschlicher Vorfahren diese für den Homo sapiens typische Sprachmotorik und Handakrobatik förderten.

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