Gesundheit : Warum muss Berlin Bauern ausbilden?

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UWE JENS NAGEL (61)

ist seit 2002 Dekan der LandwirtschaftlichGärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität.

Foto: privat

DIE AKTUELLE FRAGE

Herr Nagel, Berlin ist pleite, die Humboldt-Universität muss deshalb eine große Sparsumme erbringen. Fast alle Bereiche werden abgespeckt. Aber die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät soll ganz geschlossen werden. Liegt das vielleicht daran, dass die Fakultät bei der internen Stärken-Schwächen-Analyse nicht gut abgeschnitten hat?

Ich denke, dass es daran nicht liegt, sondern an anderen Gründen. Bis 2009 gehen zwei Drittel der Professoren der Fakultät sowieso in Pension. Deswegen kann man hier recht schnell Geld sparen, wenn man die Stellen nicht mehr besetzt. Wir haben außerdem den Eindruck, dass der Präsident der Humboldt-Universität ein bestimmtes Bild davon hat, was Forschung ist. Die Agrarwissenschaften packen Probleme der Welt praktisch an, Hunger, Umwelt, Lebensmittelqualität, der Präsident hat eine andere Sicht der Dinge.

Warum muss ausgerechnet eine Universität in einer – zudem dramatisch verschuldeten – Großstadt die Wissenschaft der Nutztiere und der Pflanzenzucht anbieten? Müssen die ländlichen Regionen und Flächenstaaten nicht selbst für ihren Nachwuchs sorgen?

Gegenfrage: Glauben Sie, dass alle Theologen, welche die Humboldt-Uni ausbildet, Pfarrer in Berlin werden? Dies ist eine überregionale, kosmopolitische Universität. Auch die Agrarwissenschaften erfüllen regionale und internationale Aufgaben, wir beschäftigen uns zum Beispiel mit dem Strukturwandel in den ostdeutschen Ländern. Brandenburg hat vor zehn Jahren bewusst auf eine eigene agrarwissenschaftliche Fakultät verzichtet, weil es uns gibt. Die Vorstellung, dass wir „nur Bauern“ ausbilden, ist übrigens falsch. Nicht mehr als 15 Prozent der Absolventen gehen als Manager in große landwirtschaftliche Betriebe. Alle anderen finden Arbeit in Banken, den Medien, der Entwicklungshilfe, der Industrie oder der Forschung. Weil unsere Ausbildung so vielseitig ist, gibt es übrigens keine arbeitslosen Agraringenieure.

Trotz dieser guten Berufsaussichten ist das Fach bei den Studierenden nicht besonders stark nachgefragt. Es gehört zu den ganz wenigen, das in diesem Semester nicht mit einem Numerus clausus belegt ist.

Nur weil das Fach nicht überfüllt ist, heißt das nicht, das keine Nachfrage besteht. Wir haben keine Probleme, gute Studenten zu bekommen. Außerdem: Wer die Lehre kürzt, kürzt auch die Forschung, wie es jetzt überall in Deutschland völlig unsystematisch in den Agrarwissenschaften geschieht. Die dadurch verursachten Schäden wird man kurzfristig nicht mehr beheben können.

Die Agrarwissenschaften sind kein ganz billiges Fach.

Es stimmt, dass die Agrarwissenschaften nicht billig sind, denn wir forschen nicht nur in Laboren, sondern auch auf dem Feld. Allerdings ließen sich die Kosten senken. Wir könnten unsere sechs Standorte auf zwei konzentrieren. Noch etwas verzerrt die Tatsachen: Bei der Fusion der beiden Einrichtungen an TU und HU vor zehn Jahren hatten wir 750 Mitarbeiter, jetzt nur noch 211 Soll-Stellen. Wir haben also schon um 70 Prozent reduziert. Dennoch werden uns die Überhangstellen heute als Kosten angerechnet.

Im Forschungstrend liegt die neue „grüne Revolution“ der Landwirtschaft einschließlich der Gentechnik. Genau diese Gebiete scheinen aber nicht zu den Forschungsschwerpunkten der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät zu gehören – könnte das auch ein Grund für die Abwicklung sein?

Bei uns geht es um nachhaltige Landnutzung. Natürlich werden hier keine Schafe geklont, aber es gibt ideologisch keine Barrieren, die moderne Technik für die nachhaltige Produktion von Lebensmitteln zu nutzen. So wurde im letzten Jahr ein Antrag für ein Internationales Graduiertenkolleg zum Thema Precision Agriculture mit Kollegen in Nowosibirsk entwickelt. Hier ist die Musik drin, die auch der Präsident gerne hört.

Etwa zehn Ihrer Professoren, die nicht pensioniert werden, sollen ja in den neuen Lebenswissenschaften weiterwirken, diese Arbeitsbereiche würden also weiterbestehen.

Wir würden uns danach nicht mehr wiedererkennen, es wäre das Ende der Agrarwissenschaften. Für die Lebenswissenschaften der Humboldt-Uni gibt es noch gar kein Konzept. Es handelt sich um eine Zusammenfassung von Bereichen, die bei der Umstrukturierung eine Heimat finden müssen, zur Biologie käme das Naturkundemuseum und Reste der Agrarwissenschaften. Prinzipiell hätten wir nichts dagegen, in einer anderen Fakultät aufzugehen. Bedingung ist jedoch ein Weiterbestehen des interdisziplinären Kernbereichs der Agrar- und Gartenbauwissenschaften.

Wenn Ihre Fakultät nicht abgewickelt würde – wie könnte die Uni-Leitung die Sparvorgaben sonst umsetzen?

Auf dieses Spiel lassen wir uns nicht ein. Entsolidarisierung gibt es an der Uni leider genug: einer blutet, damit die anderen gerettet werden.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

Der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität gehören rund 1500 Studierende und 330 Mitarbeiter an.

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