Gesundheit : Warum nadelt der Weihnachtsbaum?

Thomas de Padova

Es ist ein botanisches Trauerspiel. Jedes Jahr kurz nach dem Fest bevölkern sie die Bürgersteige. Eben noch reich geschmückt, finden sich Picea pungens, die Blaufichte, und Abies alba nordmanniana, die Nordmanntanne, unversehens vor der Haustür wieder. Zum Abschied haben sie schnell noch ein paar Nadeln über dem Teppich abgeworfen. War doch Zeit, oder?

Der Baum nadelt. Früher oder später. Im Weihnachtszimmer trocknet er unweigerlich aus.

Eigentlich sind Nadelbäume gegen Feuchtigkeitsverlust gut geschützt. Anders als Laubbäume haben sie keine Blätter mit großer Oberfläche, über die viel Wasser verdunsten kann. Ihre langen, dünnen Nadeln sind obendrein mit einer Wachsschicht überzogen. Auch das drosselt die Verdunstung.

Trotzdem wirft die Lärche jeden Herbst alle Nadeln ab, um im Winter, wenn der Boden gefroren ist, das wenige gespeicherte Wasser nicht nach außen zu verlieren. Die Kiefer lässt im August oder September einen Teil ihrer Nadeln fallen. Sie kommt wie viele Nadelbäume mit grünem Kleid durch den Winter - was den Vorteil hat, dass sie weiter Photosynthese treiben und Kohlenstoff einlagern kann.

Weihnachtsbäume wie Blaufichte oder Nordmanntanne behalten ihre Nadeln bis zu sieben Jahre lang. Ständig tauschen sie alte Nadeln gegen neue aus. Im Wohnzimmer entledigen sie sich ihrer Nadeln aus blanker Not.

„Die Luft im Zimmer ist im Winter warm und trocken und kann viel Wasser aufnehmen“, sagt Kurt Zoglauer, Pflanzenphysiologe an der Berliner Humboldt-Uni. An einen solchen Sog ist der Baum nicht angepasst. „Der Wasservorrat im Stamm und in den Zweigen nützt ihm da wenig, und über die Wurzeln kann nichts mehr nachgeliefert werden.“ Er vertrocknet erbärmlich, die toten Nadeln fallen oder brechen ab.

Vor allem, wenn er schon zuvor lange herumgestanden hat. Dann ist bereits viel Luft in seine Leitungsbahnen gelangt, er nimmt auch von unten kein Wasser mehr auf. Es sei denn, man schneidet den Stamm – ähnlich wie bei Rosen – tief an.

Dass man die Nadeln schließlich überall findet, liegt an ihrer ungeheueren Zahl. Werner Behm hat sie gezählt. Der Gärtner aus Braunschweig stellte eine zwei Meter und zwanzig Zentimeter hohe Fichte in seinen Schuppen. Und wartete. Ab und an half er mit ein bisschen Schütteln nach.

Als der Baum kahl war, zählte er 1000 Nadeln ab und wog sie mit einer Briefwaage. Dann kehrte er sämtliche Nadeln zusammen, ließ sie wiegen und errechnete: 2 800 130 Nadeln.

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