Gesundheit : Warum sticht die Biene nur einmal?

Thomas de Padova

Die Biene verfügt über eine gefährliche Waffe. Mit ihrem Stachel kann sie den Panzer einer Wespe oder die Haut eines Säugetiers durchbohren. Sticht sie damit einen Honigdieb, dann bleibt der Stachel stecken. Er hat Widerhaken. Und sobald die Biene versucht, wieder loszukommen, reißt sie sich den ganzen Stechapparat mit Giftblase, Muskeln und Nervenknoten aus ihrem Hinterleib heraus. Selbständig bohrt sich der Stachel noch tiefer in die Wunde und pumpt Gift hinein.

Die Biene stirbt bald nach dieser Attacke. Sie kann nur einmal zustechen und greift daher niemals grundlos an. Wenn eine Biene bei der Aufnahme von Nektar an einer Blüte gestört wird, zieht sie sich im Zweifelsfall zurück.

Am Bienenstock aber, wo die Vorräte lagern und das ganze Bienenvolk in Gefahr ist, gibt es keine Flucht. „Da geht’s um die Verteidigung einer ganzen Kolonie“, sagt Nikolaus Koeniger, Leiter des Instituts für Bienenkunde in Oberursel. „Bienenvölker sind sehr groß und eine lohnende Beute für Dachse oder Bären.“ Gegen solche Honigräuber muss sich das Volk verteidigen.

Mit dem ersten Stachel, der in der Haut des Angreifers stecken bleibt, wird nicht nur schmerzhaftes Gift injiziert, sondern der Feind zusätzlich markiert. Die Biene setzt einen Geruchsstoff frei, der ihre Artgenossen alarmiert. Wächterbienen kommen in Schwärmen, um den Feind zu bekämpfen.

Vor allem in tropischen Regionen, wo es viele potenzielle Honigräuber gibt, ist ein Bienenstock nur dann sicher, wenn die chemische Markierung lange erhalten bleibt. Um dies zu gewährleisten, hat sich in der Evolution der Bienen eine Kamikaze-Strategie durchgesetzt: Die erste angreifende Biene opfert ihr Leben. Würde sie am Stachel hängen bleiben, könnte der Räuber sie mit seiner Pfote wieder abstreifen.

Im Dschungel in Borneo etwa stechen Bienen des Öfteren zu. Asiatische Riesenhonigbienen verfolgen Eindringlinge über einen Kilometer weit und erreichen damit, dass diese sich der Kolonie kein zweites Mal nähern. Die asiatischen Todesflieger sind Meister der Verteidigung.

Die bei uns heimischen Honigbienen sind weniger resolut. Sie verhalten sich auch ganz anders als Wespen. Letztere schneiden eine Wunde regelrecht auf, wenn sie ihren Stachel zurückziehen. Sie sind räuberische Insekten, die tierische Nahrung bevorzugen, oft und gerne stechen. Die Biene ist Vegetarier. Und friedfertiger.

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