Gesundheit : Warum tropft die Kanne?

Thomas de Padova

Kaffeekochen ist nichts für Praktikanten. Jedenfalls nicht in einer Wissenschaftsredaktion. Hier dosiert der Chef persönlich, wie viele lösliche Bestandteile in die Kaffeemehl-Wasser-Suspension eingehen. Er überwacht das Konzentrationsgefälle zwischen nachlaufendem Wasser und Kaffeesatz und hält die Tasse griffbereit, damit sich beim Fest-flüssig-Trennprozess durch den Filter die Aromastoffe nicht zu schnell verflüchtigen. Nur beim Einschenken hat er Probleme: Die Kanne tropft.

Solche Kannen gibt es leider immer noch. Sie wehren sich erfolgreich gegen das Gesetz der Schwerkraft, das der Flüssigkeit den direkten Weg nach unten vorschreibt, sobald die Kante einmal überschritten ist. Stattdessen teilt sich der Kaffeefluss an der Tülle in zwei Ströme, von denen einer an der Unterkante des Schnabels entlangläuft, danach an der Außenwand nach unten kriecht und nicht in die Tasse tropft, sondern auf die Pressemitteilung des Hygiene-Instituts.

An einer scharfen Kante, wie man sie bei aufgesetzten Flaschenausgießern etwa in Bars verwendet, passiert so etwas nicht. Hier fließt die Flüssigkeit in der Regel gleichmäßig und reißt beim Absetzen der Flasche sofort ab. Tropfenfrei.

Porzellankannen haben keinen scharfen Rand. Und ihre keramische Oberfläche ist wasserliebend. „Die Glasur ist ein Silikat mit vielen Ionenverbindungen“, sagt Manfred Hampe, Leiter des Fachgebiets Thermische Verfahrenstechnik an der TU Darmstadt. „Eine solche Oberfläche wird gerne benetzt.“ Die winzigen positiv und negativ geladenen Abschnitte in der Oberfläche ziehen Wassermoleküle an, weil diese ihrerseits eine positiv und eine negativ geladene Seite haben. Der Attraktion folgend, wandert ein Teil der Flüssigkeit entlang der Wand nach unten.

Um Abhilfe zu schaffen, könnte man den Schnabel mit einem anderen Material beschichten und so eine wasserabstoßende Oberfläche schaffen. „Auch durch eine geschickte Formgebung kann man erreichen, dass die Strömung an der Tülle besser abreißt“, sagt Hampe. Doch selbst mit den mathematischen Methoden der Strömungsforschung können Wissenschaftler den Ausgießvorgang und die ideale Form des Schnabels nur näherungsweise berechnen.

Der Laie sieht einer Kaffeekanne nicht an, ob sie richtig gebaut ist. Ihm hilft nur der Test. Notfalls muss der Praktikant eine neue Kanne kaufen. Oder der Chef persönlich.

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