Gesundheit : Warum?

Die Kinder-Unis gefallen allen – besonders Erwachsenen. Denn auch die sehnen sich nach einer erklärbaren Welt

Dorothee Nolte

NEUGIERIGER NACHWUCHS: DIE HUMBOLDT-KINDER-UNI GEHT ZU ENDE

Zwei Redakteure einer Tageszeitung in einer verträumten deutschen Kleinstadt sitzen beieinander und haben eine Idee, eine richtig gute Idee. Das kommt öfters vor. Was aber macht die Idee von Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen, Redakteure des Schwäbischen Tagblatts in Tübingen, so gut, dass sie einen Siegeszug durch ganz Deutschland und seine Nachbarländer angetreten hat? Warum sind die Kinder-Unis so erfolgreich?

Offenkundig gefallen sie den Kindern – das ist ein Grund, aber nicht der wichtigste. Der Hauptgrund ist: Sie gefallen Erwachsenen – Eltern, Lehrern, Journalisten, Uni- und Verlags-Leuten. Alle ziehen mit. Warum?

1. Warum-Fragen sind toll. Die Themen der Kinder-Unis sind fast immer als Warum-Fragen formuliert, angefangen mit „Warum sind die Dinosaurier ausgestorben?“ (erste Kinder-Uni Tübingen 2002) bis hin zu „Warum werden nicht alle Menschen satt?“ (Humboldt-Kinder-Uni 2004). Es sind die typischen Kinderfragen, die sich Erwachsene im Alltag nicht mehr stellen und die erst dann wieder in ihr Bewusstsein treten, wenn ihre Kinder sie darauf stoßen und ihnen ihr eigenes lückenhaftes Wissen vor Augen führen. Also: Erwachsene mögen Kinder-Unis, weil sie sich dort Antworten auf die Fragen ihrer Kinder auf dem neuesten Stand der Wissenschaft erhoffen?

Ja, aber mehr noch: Die scheinbar naiven Warum-Fragen wecken in den Erwachsenen Erinnerungen an die eigene, großenteils verschüttete Erkenntnislust und Neugierde, und sie lassen in ihnen wieder die kindliche Hoffnung auf klare, eindeutige Antworten keimen. Man vergleiche nur die Frische der Warum-Fragen mit der Statik der Formulierungen in den echten Vorlesungsverzeichnissen: „Dialektik nach Hegel“, „Analysis I“, „Grundlagen der Biochemie“ undsoweiter. Muss sein, ganz klar. Aber es klingt eben auch so: nach Pflicht, nicht nach Lust.

2. Klare Antworten sind toll . Eigentlich hatten die Erwachsenen sie ja längst aufgegeben: die Hoffnung auf die Erklärbarkeit der Welt. Viel zu kompliziert ist sie doch, viel zu spezialisiert das Wissen jedes Einzelnen, verloren sind wir in einem Meer aus Informationen. Da kommt eine Kinder-Uni daher und behauptet: Es geht doch! Diese eine, konkrete Frage wird innerhalb einer Dreiviertelstunde erschöpfend erklärt, so dass man hinterher sagen kann: Ich weiß die Antwort. Natürlich, das wissen die Erwachsenen, ist das eine Illusion. Jede Antwort wirft neue Fragen auf, es gibt immer andere Aspekte, die auch zu beachten wären, Teile der Argumentation wird man vergessen, die Wissenschaft wird manche Erkenntnisse revidieren, die Zustände im eigenen Kopf werden so chaotisch bleiben, wie sie immer schon waren. Aber die Sehnsucht ist da, und daher schickt man die Kinder hin, organisiert Kinder-Unis, liest oder berichtet darüber.

3. Professoren sind toll. Auch das hatten die Erwachsenen und die Professoren selbst längst vergessen: Eigentlich sind die, die so viel Zeit zum Nachdenken haben, auch die, die Orientierung geben könnten. Sie wissen mehr über ihr Gebiet als Normalsterbliche, aber dafür sollten sie es auch in einen großen Zusammenhang stellen, in die Form von Warum-Fragen kleiden können – und sie sollten sich darum bemühen, ihr Thema verständlich zu machen, auf dem Niveau der jeweils Hörenden. Die Professoren der Kinder-Unis kommen mit Roboter-Hunden, Teddybären, Tellern voll Pfannkuchen oder Säcken voller Münzen in die Vorlesung, und sie spielen auch mal Flöte, um deutlich zu machen, dass sich die DNS zum fertigen Menschen ähnlich verhält wie ein Notenblatt zum Musikstück. So poppig bemühen sie sich in der Realität um ihre Studenten nie, müssen sie auch nicht. Aber ein bisschen mehr von diesem Willen zur Vermittlung, auch dem Spaß an der Vermittlung täte gut. – Eines bilden die Kinder-Unis leider ganz realistisch ab: Professorinnen kommen kaum vor. Das ist nicht toll.

4. Unis sind toll. Traurig ist doch fast alles, was man von den Unis so hört. Über Sparzwängen und Massenbetrieb vergisst man nur zu leicht, worum es ursprünglich einmal ging: um die Freude an der Erkenntnis, die angeregte Debatte, um gespanntes Zuhören, um das Teilen von Wissen. Ach so, das war es also? Daran erinnern uns die Kinder-Unis mit ihrem Anspruch, Horizonte zu öffnen.

5. PR ist toll. Was für eine Chance für eine gebeutelte Institution, positive Schlagzeilen zu machen! Eine Uni, die sich wohltätig den Kinderscharen öffnet! Das hätte sich auch ein PR-Stratege nicht bessser ausdenken können. Daraus lassen sich Bücher machen, womöglich T-Shirts mit Logo verkaufen, im Foyer können Bildungsinstitutionen und Verlage um das Interesse und die Geldbörsen der Eltern buhlen – alles im Namen der guten Sache. Und wie gern berichten Journalisten über etwas, was neu, bunt, positiv ist!

Der Neuigkeitswert jedoch hält nicht lang, und auch der PR-Effekt wird mit den dritten und vierten Staffeln nachlassen. Vielleicht sind die Kinder-Unis nur vorübergehende Erscheinungen, die eine Weile mal Jung und Alt amüsiert haben und dann im Orkus der Historie landen. Dagegen könnte sprechen: Kinder gibt es immer wieder neue. Und die Sehnsucht nach der erklärbaren Welt, die vergeht nie.

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