Gesundheit : Was darf die Biotechnik?

Julian Nida-Rümelin

Wenn ich mich in diesem Beitrag mit den ethischen und zugleich mit den kulturellen Herausforderungen durch die Biotechnologien beschäftige, tue ich dies ohne, wie es vielleicht erwartet wird, einzelne Probleme "ethisch" lösen zu wollen. Dies wäre eine Haltung, die die Ethik überfordert. Ich glaube, Antworten können nur das Ergebnis eines breiten öffentlichen Diskurses sein. Die Philosophie leistet dazu einen bescheidenen Beitrag, nämlich den der Begriffsklärung, der Prüfung der Validität von Argumenten und der Kohärenz von Aussagen. Sie kann nicht die Rolle des Priesterstandes vergangener Zeiten übernehmen und Ratlosen sagen: "Das ist richtig, und das ist falsch."

Ich möchte eine Anmerkung zur europäischen Dimension machen. In den Debatten, die auf den 11. September 2001 Bezug nehmen, wird gelegentlich gesagt, der große Unterschied zwischen Islam und Christentum sei, dass es im Islam kein Pendant zum Protestantismus gegeben habe und er nicht wie das Christentum von der europäischen Aufklärung geprägt worden sei. Dies stimmt nur teilweise. Das Entscheidende scheint mir aber die Trennung von Religion und Staat zu sein. Bindende Normen müssen säkular begründet werden.

Die je persönliche metaphysisch-weltanschauliche Orientierung ist wichtig für die Lebensform, auch für die jeweilige Interpretation der allgemeinen Normen. Die Begründung allgemeiner, verbindlicher Normen kann jedoch nicht darauf rekurrieren. Ethik ist nicht eine Disziplin, die tiefer gehende weltanschauliche und religiöse Begründungen durch eine quasi-wissenschaftlich begründete Moral ersetzt. Was aber bleibt dann für die ethische Analyse, welche Rolle spielt sie, wenn sie nicht die skizzierte fundamentale übernehmen kann?

Spaltung der Gesellschaft

Man kann sich das in folgender Weise vor Augen führen: Wir haben moralische Überzeugungen, Bindungen und Praxisformen, die uns oft selbst nicht bewusst sind, die aber unsere Lebenswelt prägen, die Art und Weise unseres Umgangs miteinander prägen. Unterschiede in den moralischen Grundhaltungen können zur existenziellen Spaltung einer Gesellschaft führen, ich denke hier zum Beispiel an die Zeit des 30-jährigen Krieges. Um diese Unterschiede in einer zivilen Weise auszuhalten, ist es schon in einer bikonfessionellen - erst recht in einer multikulturellen - Gesellschaft unumgänglich, dass sich ein Kernbestand bildet, auf dem das soziale Interaktionsgefüge fußt. Man kann diesen Kernbestand einen normativen Minimalkonsens nennen.

Es gibt ethische Ansätze - der berühmteste ist der utilitaristische -, die versuchen, die Komplexität unserer lebensweltlichen Moralität auf ein einziges Prinzip zu reduzieren. Alle diese "fundamentalistischen" Versuche tragen die Gefahr in sich, dass sie für den Kern unserer Moralität eine zerstörerische Wirkung entfalten können, weil sie die Illusion nähren, es gäbe die Möglichkeit, jenseits unserer Überzeugungssysteme einen festen Grund zu finden. Dies wird nicht gelingen.

Jeder ist verantwortlich

Wenn wir jetzt von "Europäischen" Grundwerten sprechen, so scheint mir der Kernbereich einer öffentlich begründbaren Moralität im Wesentlichen in zwei Grundorientierungen ihren Ausdruck zu finden. Da ist zum einen ein robuster Individualismus. Gemeint ist damit, dass Personen trotz aller Einflussnahme der Umgebung individuell für ihre Handlungen Verantwortung tragen.

Die zweite Grundorientierung möchte ich als "Humanismus" in einem spezifischen Sinn bezeichnen. Was ich meine ist, dass Menschen qua Menschen zählen und nicht etwa qua Zugehörigkeit zu einer Gruppe, dass also die Grenzen des moralisch zu Berücksichtigenden nicht etwa dort verlaufen, wo die Nation ihre Grenzen hat oder das Geschlecht, die religiöse Gemeinschaft etc. Im Kern des Humanismus steht ein bestimmtes Gleichheitsverständnis. Gleichheit im Sinne eines normativen Prinzips: Alle Menschen haben den gleichen moralischen Status.

Zumindest ein Gutteil dessen, was wir als europäische Grundwerte bezeichnen, lässt sich auf diese beiden Orientierungen zurückführen. Sie lassen sich zusammenführen zu dem, was man als Respekt vor der je individuellen Person bezeichnen kann - da kommt die Gleichheit ins Spiel, die individuelle Verantwortung und der Respekt vor der selbst gewählten, autonomen Lebensform. Das macht dann etwas aus, was Kant als ein besonderes Verständnis von Menschenwürde rekonstruiert hat. Ich glaube, wenn man den Begriff Menschenwürde verwendet, sollte man ihn auf diesen Kern eines humanistischen Ethos anwenden und den Kern nicht durch Überdehnung gefährden.

Das Ethos, von dem ich sprach, ist lebensweltlich eingelassen. Und solange es in der Lebenswelt nicht zu unerträglichen Spannungen kommt, ist die ethische Distanzierung nicht die normale Reaktion. In dem Moment aber, in dem Unsicherheiten auftreten, in dem die Grenzen des lebensweltlich Vertrauten überschritten werden, steht dieses Ethos auf dem Prüfstand. Die Grenzen der Lebenswelt sind auch die Grenzen des etablierten Ethos.

Die Biotechnologien verändern die Handlungsbedingungen, innerhalb derer wir agieren. Sie verändern die Grenze zwischen Verfügbarem und Unverfügbarem. Der Bereich, der durch menschliches Tun verändert werden kann, wird ausgeweitet. Wenn die skizzierte lebensweltliche Perspektive der Moral zutreffend ist, dann liegt auf der Hand, dass die Veränderung der Bedingungen des Handelns unser Ethos vor eine Herausforderung stellt, weil sich dort ein spezifisches Ethos über alle kulturellen und weltanschaulichen Differenzen hinweg noch nicht etablieren und bewähren konnte.

Die moralischen Regeln und Einstellungen verlieren ihren sicheren Grund. Und deswegen scheint mir die angemessene Grundhaltung gegenüber solchen Situationen etwas zu sein, das ich als "ethische Prophylaxe" bezeichnen möchte oder - etwas trockener ausgedrückt - als ethisch motivierte Risiko-Aversion. Diese Grundhaltung sollte aber rational eingebettet bleiben. Ethische Prophylaxe verlangt, dass wir unserem Handeln selbst Grenzen auferlegen.

Natürlich gibt es einen einfacheren Weg, der im Übergang von einer rationalen, über alle kulturellen und weltanschaulich-religiösen Grenzen hinweg öffentlich begründungsfähigen Moralität zu einer Art Tabu-Ethik besteht, die sagt: "Ihr dürft über bestimmte Dinge gar nicht nachdenken, geschweige denn öffentlich sprechen." Ein Beispiel: Man kann das Unbehagen angesichts der Umweltzerstörung nicht zuletzt mit Blick auf die Belastungen für nachfolgende Generationen sehr gut verstehen. Eine Antwort besteht - vereinfacht - darin, risiko-avers umzugehen mit der natürlichen Umwelt, also so, dass sie möglichst wenig langfristige Schäden davonträgt, mit der Begründung, dass vor allem Menschen, aber auch anderen empfindungsfähigen Lebewesen auch in Zukunft eine bestimmte Lebensqualität ermöglicht werden soll.

Das Umkippen in ein voraufklärerisches Tabu-Ethos würde anders aussehen. Es würde besagen, es sei der Gletscher oder das Ökosystem selbst, das eine moralische Dignität in sich trage. Der ökologisch unversehrten Natur einen intrinsischen moralischen Status zuzuschreiben, ist natürlich ein Weg, uns zu zwingen, sie möglichst wenig zu beschädigen. Aber dies ist ein Weg, der irrational und voraufklärerisch ist, der uns zurückfallen lässt in eine moralische Grundhaltung, die eben nicht mehr all die Charakteristika aufweist, die sich über Jahrhunderte in einem mühsamen Prozess der europäischen Geistesgeschichte herausgebildet haben.

Im Falle der Anwendung der neuen Biotechnologien auf den Menschen scheint mir die spezifische Problematik darin zu bestehen, dass die Grundhaltung einer ethischen Prophylaxe in ein Spannungsverhältnis zu einem aufklärerischen Ideal der Bildung und der Selbstbildung gerät. Dass wir Menschen unsere Geschicke in die Hand nehmen, die Gestaltungsspielräume des je individuellen Lebens möglichst umfassend bestimmen, uns von dem natürlichen und traditional Vorgegebenen entfernen - das ist der Impetus eines Gutteils der humanistischen und aufklärerischen Bewegung. Es besteht hier eine Spannung, die vor diesem geistesgeschichtlichen Hintergrund gesehen werden muss, der in Europa stärker ausgeprägt ist als in jeder anderen Region der Welt.

Der Eugenik vorbeugen

Vor diesem Hintergrund scheinen mir angesichts der biotechnologischen Herausforderung zwei Haltungen angeraten zu sein. Erstens: Es darf keine utopistischen Programme geben, die noch vor einigen Jahrzehnten ganz naiv als "Eugenik" diskutiert wurden. Ethische Prophylaxe verlangt, dass wir gegen alle Programme dieser Art immun sind. Und das Zweite ist, dass wir den Abwägungsprozess, der uns aufgezwungen ist, nicht zu einer Gefährdung des Kerns eines humanistischen Ethos durch dessen Überdehnung werden lassen.

Der Abwägungsprozess, der von uns gefordert ist, muss sich an bestimmten Normen und Werten orientieren. Dazu gehört, individuelles menschliches Leid möglichst zu vermeiden, ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, Respekt vor Differenz, Eigenverantwortlichkeit und eben - an den Grenzen der Lebenswelt - Risiko-Aversion oder ethische Prophylaxe. Wir entwickeln gegenwärtig eine normative Einstellung gegenüber den neuen Biotechnologien. Dieser Prozess sollte einmünden in eine ethisch begründete Praxis, die den Umgang mit den neuen Biotechnologien regelt.

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