Gesundheit : Was dem Kind gebührt

Experten fordern zusätzliche Milliarden und neue pädagogische Anstrengungen für die Bildung

Anja Kühne

Kindergartenpflicht für alle Kleinkinder! Zusätzlich 6,5 Milliarden Euro mehr für Kindergärten – und dafür weg mit dem Kindergeld! Jürgen Kluge, Chef von McKinsey Deutschland, versuchte seine Zuhörer auf dem großen McKinsey-Kongress zur frühkindlichen Bildung mit radikalen Ideen zu provozieren. Gründe für unkonventionelle Vorstöße gibt es genug. Längst ist bekannt, dass die entscheidenden Fenster für die Entwicklung eines Menschen so früh wie möglich aufgestoßen werden müssen. Doch in Deutschland wollen noch immer viele kleinen Kindern die vermeintliche Anstrengung des Lernens ersparen. „Konsum und Spaß lauten stattdessen die Leitmotive“, sagte Kluge vor hunderten Experten.

Eine Herkules-Aufgabe wie die Reform des deutschen Bildungswesens verlangt jede Hand. McKinsey hat deshalb vor vier Jahren die Initiative „McKinsey bildet“ gestartet: mit Werkstattgesprächen und Aktionstagen. In dem Wettbewerb „Alle Talente fördern“ wurden Projekte zur Förderung der Chancengleichheit bei Kleinkindern ausgezeichnet. Unter den besten vier der bundesweit 330 Teilnehmer ist auch das Kinder- und Familienzentrum in Berlin-Charlottenburg, wie Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D., auf dem Kongress in der Berliner Staatsoper bekannt gab. Unter die ersten 20 kam das Bibliotheksprojekt „Wortstark“ in Kreuzberg.

Kindergärten sollen keine Aufbewahrungs-, sondern Bildungsinstitutionen sein. Doch Deutschlands 240000 Erzieherinnen werden nicht wie im Ausland üblich an Hochschulen ausgebildet. Kluge will, dass sie ein Jahr an der Fachhochschule aufsatteln und so den Bachelorabschluss erreichen. Möglich wäre auch, sie in der Weiterbildung Punkte für den Bachelor sammeln zu lassen.

Mehr Weiterbildung forderte auch Andreas Schleicher, Pisa-Chef bei der OECD. Es gebe in Deutschland genug motivierte Beschäftigte. Deswegen sei es falsch, wenn Politiker den Eindruck erweckten, nichts könne sich ändern, bevor nicht irgendwie und irgendwann alle Ausbildungseinrichtungen völlig reformiert würden und eines Tages andere Menschen in den Kitas arbeiteten. „Reform“ bedeute auch nicht, „immer neue Verwaltungsrichtlinien raufzupacken, bis sich keiner mehr verantwortlich fühlt“. Stattdessen müssten klare Anforderungen gestellt werden. Die Erzieherinnen müssten dabei unterstützt werden, diese mit zu erreichen.

Dazu gehört auch der unerschütterliche Glaube an die Fähigkeiten jedes Kindes, wie der Tänzer Royston Maldoom erklärte, dessen Jugendarbeit vielen durch den Film „Rhythm is it!“ mit Star-Dirigent Simon Rattle bekannt ist. Andernfalls würden die Schüler den zweifelnden Blick der Erwachsenen auf sich übernehmen und hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Karl Max Einhäupl, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, geißelte die Sonntagsreden der Politiker. Es mache keinen Sinn, bei den Kindern alle Potenziale heben zu wollen, später aber nicht zu wissen, was man damit anfangen wolle. Einhäupl bezog sich auf die – wie er sagte – „erschreckenden Zahlen“, die der Tagesspiegel unlängst veröffentlicht hatte. Danach rollt auf Deutschland ein dramatischer Anstieg von Studierwilligen zu. Weil die Länder nicht wissen, wie sie bei klammen Haushalten damit fertig werden sollen, haben sie die Zahlen ein halbes Jahr lang geheim gehalten. Auch deshalb dürfe der Bund bei der Föderalismus-Reform nicht aus der Bildung gedrängt werden, sagte Einhäupl. Zuvor hatte schon Kluge die Länder heftig dafür kritisiert, dass sie „peinlich genau ihre Hoheit über Bildung einklagen“.

Wird die neue Bundesbildungsministerin sich für die Forderungen ins Zeug legen, wollte die Moderatorin, die Tagesthemen-Sprecherin Anne Will, von Annette Schavan wissen. Diese bremste Hoffnungen mit dem Verweis auf die riesigen Haushaltslöcher von Bund, Ländern und Kommunen.

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