Gesundheit : Was den Körper reizt

Ein Pharao stirbt am Wespenstich, Soldaten haben Heuschnupfen: Eine Ausstellung erzählt von Allergien

Adelheid Müller-Lissner

„Wir brauchen ein neues Wort für die Zustandsveränderung, die der Organismus durch die Bekanntschaft mit irgendeinem organischen, lebenden oder leblosen Gifte erfährt.“ Das forderte der Wiener Kinderarzt Clemens von Pirquet im Sommer 1906 in der Münchner Medizinischen Wochenschrift.

Der aktuelle Anlass: Als einer der ersten Ärzte hatte Pirquet diphtheriekranken Kindern ein Heilserum gespritzt. Für viele Kinder eine lebensrettende Behandlung. Einige aber bekamen merkwürdige Ausschläge, und es starben sogar Kinder an einem schweren Kreislaufschock.

Neu war für die Mediziner die Beobachtung, dass die Nebenwirkungen nach der zweiten Spritze schon innerhalb weniger Minuten auftraten. Irgendetwas musste sich im Körper der Kinder nach dem ersten Kontakt mit Bestandteilen des Heilserums verändert haben, das sie jetzt so überschießend reagieren ließ. Pirquet schlug dafür einen Namen vor, den heute jedes Kind kennt: Allergien (vom griechischen „allos“, das heißt „fremd“).

Zum hundertsten Geburtstag der Wortschöpfung ist ab heute in der Hörsaalruine des Berliner Medizinhistorischen Museums auf dem Charité-Gelände in Mitte eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Allergien zu sehen. „Wir möchten damit auch gegen das Missverständnis angehen, dass Allergien harmlos sind“, sagte Wolfram Sterry, Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie gestern zur Eröffnung. Denn die chronischen Krankheiten sind nicht nur zermürbend, weil sie die Betroffenen im Alltag einschränken und ihre Leistungsfähigkeit zumindest saisonal herabsetzen. Sie können im Einzelfall auch lebensbedrohlich werden.

Ob der erste prominente Fall einer tödlichen Insektengiftallergie, den Medizinhistoriker anführen, auch wirklich einer war, ist nicht sicher. Der ägyptische Pharao Menes, der um 3000 vor Christus während einer Fahrt auf dem Nil gestorben ist, könnte statt einem Wespenstich auch einem Nilpferd zum Opfer gefallen sein. Das wenig eindeutige Zeichen in der Hieroglyphenschrift lässt Raum für Deutung, so lernt der Betrachter in der Ausstellung.

Aussagekräftiger ist da schon das aus Mexiko stammende Porträt eines Mannes, der Mund und Augen weit aufgerissen hat und die Arme stützend zum Hals führt. „Die ganze Haltung deutet auf einen akuten Asthmaanfall hin“, meint Internist Karl-Christian Bergmann vom Allergie-Centrum der Charité.

Dass die Symptome schon seit Jahrtausenden beschrieben und bildlich dargestellt werden, ist nicht erstaunlich. „Allergien gab es schon immer“, sagt Bergmann. Allerdings zeigten die Ergebnisse der Untersuchungen von Rekruten deutlich, dass die überschießenden Reaktionen des Immunsystems in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben.

„Berichtete zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nur einer von hundert angehenden Soldaten über Fließschnupfen, tränende Augen, Hautausschläge und Asthmaanfälle, so ist heute schon fast jeder Fünfte betroffen“, sagt Bergmann. Besonders geplagt sind die Menschen in den Städten. Gründe sehen Forscher darin, dass das Immunsystem von Kindern für Fehlentwicklungen anfälliger ist, wenn größere Hygiene und weniger Kontakt zu Tieren und anderen Kindern herrscht. Bergmann, der zugleich Vorsitzender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst ist, vermutet aber auch, dass Pollen inzwischen durch die Anlagerung von Feinstäuben aggressiver werden.

Allergieauslöser wie Nahrungsbestandteile oder Tierhaare sind schon länger bekannt. Schon im 16. Jahrhundert machte ein pfiffiger Untersucher einen Provokationstest, für den er ohne Wissen des Allergiegeplagten eine Katze in einem Raum versteckte. Und Richard der Dritte von England soll seine Erdbeerallergie gezielt eingesetzt haben: Nachdem er ein paar Früchte zu sich genommen hatte, beschuldigte er unter Hinweis auf seinen mit Ausschlag übersäten Arm einen der Lords aus seinem Umfeld des versuchten Königsmords.

Dass auch Pollen Allergien auslösen können, wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts deutlicher. Sehen konnte man die winzigen Pflanzenbestandteile zwar schon, seit im 17. Jahrhundert die ersten Mikroskope sie vergrößerten. Doch erst 1833 vermutete ein englischer Arzt, dass der typische „Frühsommer-Katarrh“, der viele Menschen alle Jahre wieder befiel, nicht direkt mit dem Wetter zu tun hatte.

Bald war für das verbreitete saisonale Leiden der Begriff „Heufieber“ gefunden. „Und im Jahr 1900 gründeten Betroffene die erste Patientenorganisation überhaupt, den Heufieberbund“, erzählt Bergmann. Die Angehörigen dieser frühen Selbsthilfegruppe sollen sich mit „Gut Heu“ begrüßt haben. Der Wunsch nach einer glimpflichen Saison ist nach wie vor aktuell – auch wenn die Behandlungsmöglichkeiten der saisonalen Rhinokonjunktivitis sich inzwischen deutlich verbessert haben.

Ausstellung „100 Jahre Allergien in Deutschland“ bis 31.8. in der Hörsaalruine des Berliner Medizinhistorischen Museums, Eingang Schumannstr. 20/21. Geöffnet Di, Do, Fr, Sa, So 10-17 Uhr, Mi 10-19 Uhr (www.bmm.charite.de).

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