Gesundheit : Was der Affe nicht lernt

Die Dinge beim Namen nennen: Bereits Dreijährigen hilft die Sprache, die Welt zu verstehen

Roland Knauer

Zielstrebig steckt der Orang-Utan-Mann im Leipziger Zoo einen Finger durch eines von drei Löchern in einer Plexiglasscheibe und deutet auf ein Stück Holz. Der große Menschenaffe scheint sich sicher, dass darunter eine Banane oder eine Traube liegt. Die Frucht könnte natürlich auch unter dem Stein oder sogar unter dem umgedrehten Vogelnest versteckt sein, auf die das Tier durch zwei andere Löcher im Plexiglas zeigen könnte. Stimmt seine Vermutung, erhält er das Obst als Belohnung. Und in zwei Dritteln aller Fälle behält der Menschenaffe recht, erzählt Daniel Haun vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Allzu schwer war die Lösung der Suchaufgabe nicht. Durfte der Orang-Utan doch Haun durch die Plexiglasscheibe beobachten, als dieser die Belohnung versteckte. Dann allerdings zog Haun schnell einen Vorhang zu und versperrte dem Affen die Sicht. Zwei der Gegenstände, unter denen die Banane oder die Trauben liegen konnten, vertauschte der Forscher dann, nach sieben Sekunden war der Vorhang wieder auf.

Damit aber war das Problem gar nicht mehr so einfach lösbar: Lag das Leckerli zunächst unter einem Stein auf der rechten Seite hinter der Plexiglasscheibe, konnte die Frucht nach dem Sieben-Sekunden-Vorhang-Intermezzo entweder mit dem Stein in die Mitte der Scheibe gewandert sein, während das Holz von dort nach rechts geschoben wurde. Alternativ könnten natürlich auch nur Holz und Stein die Plätze getauscht haben, während Banane oder Trauben noch immer rechts liegen. Was hatte sich der Orang-Utan also gemerkt: Den Ort mit dem Obst oder den Gegenstand, unter dem es verborgen lag?

Der Affe merkt sich vor allem den Ort. In der ersten Hälfte der Versuche hatte Daniel Haun jedes Mal nur die Abdeckung vertauscht, die Belohnung aber immer an dem Ort gelassen, an dem er es unter den Augen des Orang-Utans versteckt hatte. Da es drei Orte gab, sollte das Tier in einem Drittel der Fälle rein zufällig auf seine Beute stoßen. Tatsächlich aber deutete der clevere Orang-Utan in zwei Dritteln genau auf die Stelle, an der die Frucht verborgen lag. Das konnte kein Zufall mehr sein, das Tier musste sich den Ort gemerkt haben.

Die Probe aufs Exempel brachte die zweite Hälfte der Versuche, in der Daniel Haun mit der Abdeckung auch gleich das Obst an einem anderen Ort verlegte. Schlagartig sank die Trefferquote auf ein Drittel und erreichte damit die Zufallsquote. Ganz offensichtlich setzen Orang-Utans also auf die Strategie, sich einen Ort mit Futter zu merken und achten weniger auf den Gegenstand, unter dem es liegt.

Nicht nur Orang-Utans setzen auf die Strategie, sich eher Orte und weniger Gegenstände zu merken, auch die anderen Menschenaffen bevorzugen diese Herangehensweise. Dabei ist aus anderen Studien bekannt, dass sich Menschenaffen auch Gegenstände merken können. Doch immer wenn Daniel Haun mit Schimpansen und Gorillas, Orang-Utans und Bonobos das Versteckspiel mit dem Vorhang spielte, erreichten die Affen eine Trefferquote von rund zwei Dritteln, wenn die Belohnung am Ort blieb, die Abdeckung aber vertauscht wurde. Wanderte dagegen auch die Frucht an einen anderen Ort, landeten die Menschenaffen nur noch Zufallstreffer.

Als Nächstes wiederholte Daniel Haun seine Untersuchung mit einjährigen Kindern und versteckten Spielsachen. Das Ergebnis war das gleiche. Offensichtlich folgen Menschen also einer ähnlichen Strategie wie Menschenaffen. Vermutlich bevorzugte also bereits der letzte gemeinsame Vorfahre aller Menschenaffen vor 15 Millionen Jahren die Strategie, sich den Ort zu merken und weniger den Gegenstand, schreiben die Forscher im Fachblatt „Current Biology“).

Als Haun und seine Kollegen die Versuche mit dreijährigen Kindern wiederholte, erlebte er eine Überraschung: In diesem Alter haben die Kinder ihre Vorlieben gewechselt und setzen auf die Gegenstandsstrategie. Wenn das Versteck gleichzeitig mit der Abdeckung wechselt, finden sie das Spielzeug besonders leicht. Werden dagegen nur die Abdeckungen vertauscht, während das Spielzeug am gleichen Ort liegen bleibt, landen die Dreijährigen nur Zufallstreffer.

Weshalb verhalten sich einjährige Kinder beim Finden von Verstecken genau wie die eng verwandten Menschenaffen, während Dreijährige eine völlig andere Strategie bevorzugen? Haun richtet sein Augenmerk auf das Sprechen. So bezeichnen die ersten Worte eines Kindes sehr häufig Gegenstände. Vielleicht kann man sich Gegenstände ja einfacher merken, wenn man sie benennen kann.

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