Gesundheit : Was der Gärtner über Goethe denkt

Erzähl-Wettbewerb, 2. Runde: Nun sind Deutschlehrer gefragt, die der Kreativität mehr Raum geben wollen

Dorothee Nolte

ERZÄHL MIR WAS – DER WETTBEWERB IM TAGESSPIEGEL

Was, oh Schüler, will uns der Autor sagen? Wo, oh Schülerin, steckt das Leitmotiv? Bitte analysieren Sie, geehrter Abiturient, diesen eigens für Sie ausgewählten Text!

Wenn im Deutsch-Unterricht von Literatur die Rede ist, so dominiert bis heute die Textanalyse, das heißt: Man blickt aufs Papier, mit einem kühlen Kopf, und was dabei herauskommt, ist ein Aufsatz. Der wird still geschrieben und hinterher vom Lehrer still gelesen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn das Erörtern lernt man auf diese Weise. Was man so allerdings nicht lernt, ist: das Erzählen. Das Konstruieren von Geschichten. Und das Vortragen.

Genau darauf aber kommt es für diejenigen an, die sich in diesem Jahr am Tagesspiegel-Erzählwettbewerb beteiligen wollen. Wer hier gewinnen möchte, sollte nicht nur eine interessante, spannende, lustige oder bewegende Geschichte auf Lager haben, sondern seine Geschichte auch geschickt aufbauen und gut mündlich präsentieren können. Können Schüler das? Oder anders gefragt: Können Lehrer das vermitteln?

Gisela Beste, zuständig für die Fortbildung der Deutschlehrer am Berliner Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum), sieht hier Defizite im Deutsch-Unterricht und in der Ausbildung der Deutschlehrer. „Wir haben nicht gelernt, wie man professionell erzählt – wie man zum Beispiel einen Spannungsbogen aufbaut oder wie man eine Geschichte so beginnt, dass sie den Leser fesselt“, sagt Beste, die an der Kollwitz-Schule in Prenzlauer Berg Deutsch unterrichtet. „Dabei lassen sich Schüler leichter für Literatur und überhaupt fürs Lesen begeistern, wenn sie angeregt werden, selbst Geschichten zu schreiben.“ Noch besser, wenn sie ihre Werke selber vortragen – denn auch daran mangelt es häufig. „Das Vorlesen und Vortragen wird wenig geübt.“

Das sieht Fritz Tangermann, bis vor drei Jahren Deutsch-Lehrer und jetzt in der Senatsschulverwaltung tätig, ähnlich. Er hat am Lisum Lehrer-Workshops zum Kreativen Schreiben geleitet und schwärmt von den Möglichkeiten, die dieser Ansatz bietet. „Da kann man so viele Impulse geben. Man nutzt den Sprach- und Spieltrieb der Schüler, um Kompetenzen zu steigern und die Sensibilität für Sprache zu erhöhen.“ Schüler seien mit viel Spaß dabei, vor allem wenn sie ihre Werke auch noch vortragen könnten, „mit leichten szenischen Andeutungen, einem Requisit zum Beispiel, oder im Dialog“. Das wird auch im Tagesspiegel-Wettbewerb erlaubt sein: Schüler können ihre Geschichten im Team erarbeiten und präsentieren.

Nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler in der Pisa-Studie zerbrechen sich Lehrer und Bildungspolitiker den Kopf darüber, wie man die Freude am Lesen und Schreiben wecken kann, und öffnen sich zunehmend für kreativere Aufgaben. Sie finden sogar Eingang in die Rahmenpläne: „gestaltendes Erschließen“ nennt sich das in den neuen „Einheitlichen Prüfungsanforderungen“ zum Abitur, die die Kultusministerkonferenz verabschiedet hat. Eva-Maria Kabisch von der Berliner Bildungsverwaltung, die für das Fach Deutsch federführend beteiligt war, hält das für eine „Kehrtwendung“ im Deutsch-Unterricht. So können die Schüler künftig Themen wählen wie: „Schreibe einen Brief von Lotte an Werther“, oder auch: „Beschreibe das Leben im Hause Goethes aus der Sicht seines Gärtners“. Immer kommt es dabei darauf an, den richtigen Ton zu treffen, sich der sprachlichen Mittel bewusst zu werden. Das „gestaltende Erschließen“ soll aber kein freies Erzählen sein – „das ließe sich kaum benoten“ – sondern bezieht sich immer auf eine Textgrundlage. Diese „fast revolutionäre“ Öffnung im Abitur wird laut Kabisch auch Rückwirkungen auf den Unterricht in unteren Klassen haben. Und auch die Fähigkeit des mündlichen Präsentierens soll künftig stärker geübt werden. „Wir streben im Abitur eine zweite mündliche Prüfung mit Präsentationscharakter an."

Nur: „Die Lehrer haben mit kreativen Aufgaben noch wenig Erfahrung“, sagt Gisela Beste. Lehrer, die die Schreibspiele aus dem Kreativen Schreiben ausprobieren, verzichten oft auf jegliche Besprechung der Texte. „Da ist dann alles gleich schön“, kritisiert Beste. „Dabei wäre es doch für die Schüler eine wertvolle Erfahrung, an solchen Texten zu arbeiten. Aber dafür fehlt sowohl den Lehrern als auch den Schülern das Handwerk.“

Vielleicht kann der Erzähl-Wettbewerb des Tagesspiegels für manche ein Anlass sein, sich in diesem Handwerk zu üben. Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr hatte der Tagesspiegel zusammen mit der Erzähl-Akademie Katrin Rohnstock, den Staatlichen Museen Dahlem und der Firma eßkultur einen Erzähl-Wettbewerb zum Thema „Fremd sein“ organisiert, der mit einer großen Abschlussveranstaltung im Ethnologischen Museum Dahlem endete. 300 Leserinnen und Leser hatten uns Geschichten auf Papier und Cassette geschickt, 30 von ihnen trugen ihre Erzählungen öffentlich in den Ausstellungsräumen des Museums vor, und die zehn Favoriten der Jury traten am Abend vor den anderen Teilnehmern auf. Ein Buffet der Firma eßkultur krönte den Abend, zu gewinnen gab es unter anderem eine Reise, ein Fest, einen CD-Player, Hörbücher und Seminar- Gutscheine.

Auch in diesem Jahr soll der Erzähl-Wettbewerb wieder für alle Altersgruppen offen sein, aber die Schüler ab 12 Jahren möchten wir speziell ansprechen und eigene Preise für sie ausloben. Und dazu brauchen wir die Mithilfe der Lehrer: Besonders die Deutsch-, aber auch die Geschichtslehrer möchten wir gewinnen, ihre Schüler zur Teilnahme zu motivieren und das – schriftliche und mündliche – Erzählen mit ihnen zu üben. Dafür bietet der Tagesspiegel eine Info-Veranstaltung an und, zusammen mit dem Lisum, ein Fortbildungsseminar „Spannend erzählen" (siehe Kasten). In einer begleitenden Artikelserie werden wir unter anderem einen „Grundkurs Erzählen“ in mehreren Teilen veröffentlichen. Der offizielle Startschuss zum Wettbewerb soll im April fallen, aber so viel schon vorweg: Einsendeschluss ist Mitte Juli. Und Preise gibt’s zuhauf.

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