Gesundheit : Was die Gesellschaft künftig zusammenhält - Alain Touraine über den Verlust von Bindungen in der globalen Welt

Uwe Schlicht

Agora ist in der Geschichte ein Begriff - es war die Volksversammlung der griechischen Polis. Der Name "Agora" wird für ein ehrgeiziges Projekt des Wissenschaftskollegs benutzt, in dessen Rahmen die Zukunft der Arbeit vorstellbarer gemacht werden soll. Da die Arbeit sowohl für den einzelnen Menschen, als auch für die Gesellschaft unverzichtbar ist, wird "Agora" nicht auf ein Thema für Ökonomen und Soziologen begrenzt. Jede Gesellschaft ist auf ein Minimum an Bindungen und Loyalität angewiesen, wenn es nicht zu einem Kampf aller gegen alle kommen soll. Von daher geht es um den Zusammenhang von Arbeit, Bindungen und Wissen.

Am Mittwochabend eröffnete der französische Soziologe Alain Touraine die zweitägige "Agora"-Konferenz zum Thema Bindungen. Im Sommer wird das "Wissen" für die künftige Arbeitswelt in den Mittelpunkt gerückt und im Januar 2001 soll "Agora" unter allen drei Aspekten auf einer Konferenz im Martin-Gropius-Bau vorgestellt werden.

Touraines Weltbild ist gespalten. Auf der einen Seite driftet die Welt immer weiter auseinander: die Globalisierung der Wirtschaft und Technologie steht auf der einen Seite, Kultur und Werte auf der anderen. Die Zukunft einzuschätzen, wird immer schwieriger, da sie nicht mehr - wie es Jahrhunderte üblich war - auf Erinnerung an die Vergangenheit aufbaut. Traditionelle Bindungen der Menschen in den Familien, an Werte sind ebenso im Schwinden begriffen, wie die Kultur der Städte infrage steht. Andererseits erwartet Touraine nicht, dass sich in der neu bildenden Welt - geprägt durch Globalisierung, Computer und Internet - zugleich eine Weltgesellschaft oder ein Weltstaat formen wird. Selbst im vereinten Europa gebe es zwar den wirtschaftlichen und politischen Überbau der EU, jedoch keineswegs eine Tendenz zu einer europäischen Einheitsgesellschaft. Vielmehr behielten die Regionen und die Sprachkulturen auch innerhalb der EU ihre Selbstständigkeit.

Kein "homo oeconomicus"

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus brechen auch wieder nationale und ethnische Konflikte in kaum mehr für möglich gehaltenen Schärfe aus - gefördert durch den Zerfall von supranationalen Gebilden wie der ehemaligen Sowjetunion oder dem einstigen Jugoslawien. Andererseits verlieren Gesellschaften, die sich seit Jahrhunderten als nationale Gesellschaften verstanden, ihre Bindungskraft.

Heute werden Menschen viel eher nach ihrer Fähigkeit, sich dem Wandel anzuspassen, beurteilt, als nach traditionellen Bindungen. Wenn 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung selbst in Westeuropa als arm einzuschätzen seien, könnten zwar bessere wirtschaftliche Verhältnisse günstigere Chancen für eine Integration in die Gesellschaft bieten, aber noch keine neuen Bindungen stiften. Aus Sicht von Touraine wäre es ein Fehler, den Menschen auf den "homo oeconomicus" zu reduzieren.

Touraine sieht dennoch Chancen, die Dinge wieder zusammenzuführen, die sich im Streben nach Individualität auseinander entwickeln. Der französische Soziologe berief sich auf Untersuchungen zu türkischen Gastarbeitern. Sie zeigten, dass eine stärkere Verankerung im islamischen Glauben - erkennbar an Kopftuch tragenden Frauen und Mädchen - es Türken erleichtern kann, sich in die moderne Gesellschaft einzuordnen. Von daher sollte man sichtbare Zeichen einer Glaubensrichtung nicht als Integrationshemmnis bekämpfen, sondern als Zeichen einer anderen Kultur respektieren.

Es müsse ein universales Menschenrecht werden, die jeweilige Subjektivität von Individuen wie auch von Gruppen und multikulturellen Minderheiten anzuerkennen. Nur dann gebe es eine Chance, Traditionelles erneut mit Modernem zu mischen und verschiedene Lebenswege zu kombinieren. Da Individuen nicht ohne Beziehungen zu der Gesellschaft leben könnten, basiere die Anerkennung der jeweiligen Subjektivität auch auf der Anerkennung von Gemeinschaften - seien sie durch Religion, durch ethnische oder regionale Zugehörigkeit, durch nationale Herkunft oder durch Interessen geprägt. Nur in einer offenen Gesellschaft lassen sich in der Sicht von Touraine solche Unterschiede aushalten. Für die jeweils zu findende Balance von Differenz und Integration bedarf es des Staates, um Konflikte zu begrenzen oder beenden zu können, damit es nicht zum Krieg aller gegen alle kommt.

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