Gesundheit : Was die Konfusion kostet

Die Verschmelzung der beiden Berliner Medizin-Fakultäten zur neuen Charité geht schleppend voran – und nun droht ein Millionendefizit

Uwe Schlicht

Ihr Büro ist spartanisch eingerichtet, die Möbel atmen den Stil der Fünfzigerjahre: Holzrahmen mit grünen Polstern. Untergebracht ist die zur Zeit mächtigste Medizinmanagerin Deutschlands in Berlin in einem alten Seitengebäude der Charité in Mitte. Das ist schon ein seltsamer Kontrast zwischen der Wichtigkeit des Amtes und dem bescheidenen Auftritt im Büro von Ingrid Nümann-Seidewinkel, der zeitweiligen Vorsitzenden der beiden Klinikumsvorstände von Freier und Humboldt-Universität. Ist die Politikerin mit der randlosen Brille in Wirklichkeit gar nicht so mächtig, sondern eine „lahme Ente“, weil sie ihr Amt nur auf Zeit ausübt, bis der endgültige Vorsitzende des Vorstandes gewählt worden ist?

Eine „lahme Ente” will die einstige Finanzsenatorin aus dem letzten Hamburger rot-grünen Senat, Ingrid Nümann-Seidewinkel, nicht sein. Als Finanzsenatorin hatte sie es nach einem Jahrzehnt wachsender Schuldenpolitik fertig gebracht, erstmals einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, bevor es zur Abwahl des Hamburger Senats kam. Wegen ihrer Finanzkenntnisse ist Ingrid Nümann-Seidewinkel auch nach Berlin geholt worden. Denn hier steht ihr die Mammutaufgabe bevor, erstmals in Deutschland zwei medizinische Fakultäten und drei Universitätsklinika zusammenzuführen, und das unter dem gemeinsamen Dach zweier Universitäten – der Humboldt-Uni und der FU, unter dem neuen Namen „Charité – Universitätsmedizin Berlin“.

Anders geht es nicht, weil der Berliner Senat der Hochschulmedizin die Auflage gemacht hat, 98 Millionen Euro bis zum Jahre 2010 aus einem Staatszuschuss von heute 263 Millionen Euro einzusparen. Das ist über ein Drittel des Etats für Forschung und Lehre. Von einer Überausstattung, wie sie von den Berliner Politikern angenommen wird, könne bei dieser Sparsumme keine Rede mehr sein, sagt Ingrid Nümann-Seidewinkel, nachdem sie tiefere Einblicke gewonnen hat. Im Gegenteil: Bei weiteren Belastungen wird es gefährlich für die Hochschulmedizin.

Nümann-Seidewinkel muss sich beeilen, denn die Charité ist bei der anstehenden Fusion mit ihren Hausaufgaben im Verzug. Bevor die Neuordnung der Universitätsmedizin starten kann, müssen die Jahresabschlüsse für 2002 der Universitätsklinika von FU und HU vorliegen. Danach muss eine Bilanz über Ausgaben und Einnahmen vorhanden sein, die vom 1. Januar bis zum 1. Juni 2003 angefallen sind. Erst dann kann die Eröffnungsbilanz für die neu geordnete Hochschulmedizin erstellt werden.

Hinter den Kulissen wird wegen dieser Bilanz heftig gefightet. Es ist kein Geheimnis, dass die Mediziner der Freien Universität befürchten, für die riesigen Ausgaben der alten Charité mit ins Boot geholt zu werden. Während das kleinere FU-Klinikum Benjamin Franklin eine Abschlussbilanz vorlegen kann, die einen geringen Überschuss von 63 000 Euro aufweist, zeichnet sich für die Charité ein Fehlbetrag von weit über 10 Millionen Euro ab. Zeit ist im Verzug, denn ohne Klarheit könnte sich der Fehlbetrag der Charité bis zum Jahresende noch erhöhen. Nümann-Seidewinkel äußert sich dazu nicht – weder dementiert sie die Zahlen, noch bestätigt sie diese. Sie spricht nur die Hoffnung aus, dass sie im September eine möglichst ausgeglichene Bilanz vorlegen kann.

Aber nicht nur für die Eröffnungsbilanz wird die Zeit knapp. Nümann-Seidewinkel will ihr Amt als Vorsitzende für die Übergangszeit nicht weit über den Jahreswechsel 2003/2004 hinaus ausüben. Und die Amtszeiten der bisherigen ärztlichen Direktoren der Universitätsklinika sowie der Dekane der beiden Fakultäten laufen zum 31. Dezember 2003 aus. Wenn die Fusion gelingen soll, müssen schnell der Aufsichtsrat und der Vorstand für die neu geordnete Hochschulmedizin berufen werden. Denn vom Aufsichtsrat hängt so gut wie alles ab: Er muss den künftigen Vorsitzenden des Vorstands berufen – den allmächtigen Manager, der die schwierige Fusion der Klinika und Fakultäten zu organisieren hat. Und der Aufsichtsrat hat den medizinischen Direktor zu bestellen.

In Hamburg-Eppendorf hat sich die Suche nach einem ärztlichen Direktor für das Uni-Klinikum eineinhalb Jahre hingezogen, gibt der noch amtierende ärztliche Direktor der HU-Charité, Manfred Dietel, zu bedenken. Ingrid Nümann-Seidewinkel sagt: „Die Fusion der Universitätsklinika und Fakultäten darf nicht vor sich hin dümpeln wie ein Segelboot bei Windstille. Eine weitere Verzögerung verschlechtert die Situation massiv, weil alle Interessierten unsicher werden.” Schließlich hängt von den Entscheidungen des künftigen Vorstands ab, welche Arbeitsplätze bestehen bleiben, welche verlagert werden. Da sind Tausende betroffen.

Dass Wissenschaftssenator Thomas Flierl die Mitglieder des Aufsichtsrats noch nicht berufen hat, wundert Manfred Dietel. Die Mediziner von FU und HU hätten dem Senator schon im Juni eine Liste mit Vorschlägen für die Besetzung des Aufsichtsrats überreicht. Nümann-Seidewinkel äußert sich ähnlich: „Es gibt genügend gute Namen, so dass man sich eigentlich schnell auf vier externe Persönlichkeiten einigen könnte.” Von den acht stimmberechtigten Mitgliedern des Aufsichtsrats sind vier qua Amt vorgegeben: der Finanzsenator und der Wissenschaftssenator sowie die Präsidenten von HU und FU. Dazu kommen vier externe Sachverständige aus der medizinischen Wissenschaft und Wirtschaft, von denen einer von den Gewerkschaften vorgeschlagen werden wird.

Schon verbreiten sich Gerüchte. Flierl zögere, weil bereits die Position des künftigen Vorstandsvorsitzenden nach Parteiinteressen besetzt werden sollte und dafür der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) ins Auge gefasst worden sei, heißt es. Nümann-Seidewinkel lacht nur und bezeichnet diese Nennung als „eine Ente im Sommerloch”. Der Pressesprecher des Wissenschaftssenators, Thorsten Wöhlert, will dazu überhaupt nichts sagen. Bereits ein Dementi wäre eine Aussage.

Dass inzwischen der Medizinsenat einberufen worden ist, der für die akademischen Angelegenheiten zuständig ist und verhindern soll, dass die Verbindung der Universitäten zur Medizin abreißt, wurde öffentlich als Erfolg gepriesen. Seitdem hoffen die Universitätspräsidenten Dieter Lenzen (FU) und Jürgen Mlynek (HU), dass der Fusionsprozess „zügig weiter voranschreitet”.

Resümee: Die Einberufung des Medizinsenats ist zwar erfreulich, aber nicht von so weit reichender Bedeutung wie ein funktionierender Aufsichtsrat und Medizin-Vorstand. Von „zügig” kann kaum die Rede sein, wenn vor lauter Verzögerung Gerüchte und Verunsicherungen nur so wuchern. Vielleicht wird die Benennung der Aufsichtsratsmitglieder auch nicht nur durch ein Postengerangel verzögert, sondern eher von so banalen Fragen, wie es bei den Externen mit Reisekostenerstattungen und Aufwandsentschädigungen laufen soll. Von einer Klärung dieser Frage kann es mit abhängen, ob der Senat auf seiner morgigen Sitzung bekannt geben kann, wer als externer Sachverständiger im künftigen Aufsichtsrat sitzen wird.

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