Gesundheit : Was ist dran an den Visionen vom voll vernetzten und digitalen Leben?

Helmut Merschmann

Wie wird sich unser zukünftiger Alltag gestalten? Wie leben die Menschen in fünf bis zehn Jahren? Werden wir die Dienste von Cora in Anspruch nehmen, einer interaktiven und virtuellen Immobilienmaklerin? Werden wir unseren Kühlschrank mit dem Internet vernetzen, uns von einem gelben Roboterarm den Sekt einschenken lassen? Oder mit Sonys Aibo-Hund Gassi gehen und - falls schon was daneben ging - den vollautomatischen Staubsauger anstellen? Der Alltag der Zukunft wird anders aussehen als heute, "Informationstechnik verändert unser Leben". Im Heinz-Nixdorf-Museumsforum ( www.hnf.de ), wo man im Rahmen der "Paderborner Podien" diesen Fragen einen "Dialog zwischen Experten und Bürgern" widmete, wagte man einen Blick voraus.

Ginge es nach den Visionen der Forscher und den Wünschen der Industrie, ist unser Alltag in absehbarer Zeit vollkommen computerisiert. Eine Vielzahl von "Personal Devices" sollen den PC und seine Programme ersetzen, glaubt Professor Alex Pentland vom Bostoner MIT Media Lab. Die persönlichen Geräte glichen kleinen "Elfen", magischen unsichtbaren Helfern, die die Lebensbedingungen von Grund auf umkrempeln. Sogenannte "Ambient Interfaces", die zum Beispiel mit kleinen Babies ohne Tastatur und Maus interagieren und deren Reaktionen an die Eltern im Nebenraum übertragen. "Body Tracking Systeme" geben Gebärdensprache akustisch in Echtzeit aus. In "Wearables", smarter Kleidung, ist ein kompletter Computer untergebracht, mit der Tastatur am Ärmel, dem Display in der Sonnenbrille, und der Stromzufuhr aus dem Schuhabsatz. Damit sollen Situationsanalysen und Problemlösungen quasi aus dem Handgelenk möglich sein. Beispielsweise für den Fall, dass sich jemand nähert, dessen Namen man vergessen hat: das System hält als "persönliches Gedächtnis" seine kompletten Angaben parat. Einen besonderen Clou des MIT stellt das "Nomadic Radio" dar, das Voice-Mails und Telefonate verwaltet und kontextabhängig entscheidet, ob sie an den Benutzer, der einen Ohrknopf trägt, durchgestellt werden.

Auch am Fraunhofer Institut für graphische Datenverarbeitung in Darmstadt, arbeitet man an der "Zukunft jenseits des Desktops". Das mit angewandter Forschung betraute Institut arbeitet in den verschiedensten Bereichen der elektronischen Assistenz. "Was hier entwickelt wird, wird auch schon gebraucht", versichert Professor José Encarna. Ob im Haushalt, im Fahrzeug oder bei Terminalsystemen - die Entwicklungen vom Fraunhofer Institut sind mit von der Partie. Einen speziellen Forschungsbereich bildet die mobile Assistenz. Sie umfasst Systeme, mit deren Hilfe man sich virtuell in Gebäuden, auf Straßen oder in Netzwerken orientiert und so beispielsweise die Wartung einer Telefonanlage vornehmen kann. Wo weniger als die Hälfte aller Nutzer ihren Videorekorder programmieren kann, bedarf es Technik, die die Technik bedient.

Auf die menschliche Interaktion mit der Technologie, die berühmte "Mensch-Maschine-Schnittstelle", kann freilich nicht verzichtet werden. Traditionell ist die Sprache als ältestes Kulturmittel für diese Übersetzungsleistung zuständig. Der Erkennung von natürlicher Sprache gilt daher in den Entwicklungslabors seit langem besonderes Augenmerk. Am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken wird an einem System gearbeitet, dem "Verbmobil", das es erlaubt, Spontansprache zu übersetzen, wie dessen Direktor Professor Wolfgang Wahlster erläutert. Bereits die Spracherkennung ist eine vertrackte Angelegenheit, ihre Analyse und das kontextuelle Verständnis umso mehr. Jetzt ist es gelungen, sogar "Sprachreparaturen", kleine ausgebügelte Versprecher in der wörtlichen Rede, zu bewältigen. So können Übersetzungen in mehreren Sprachen und beiden Richtungen geleistet werden. Selbst die sprachgesteuerte Touristenführung per Computer wird damit Realität.

An Sprachmächtigkeit ist ein Mensch wie Norbert Bolz, Professor an der Universität Essen, jedem System immer noch haushoch überlegen. Trotzdem haben auch ihn die zum Teil noch in der Entwicklung, zum Teil kurz vor der Serienreife befindlichen elektronischen Helfer beeindruckt. Sogar so sehr, dass der eher für seinen Medienoptimismus bekannte Wissenschaftler in Paderborn gar skeptische Töne anschlug, den "alten Medien" Buch und Vortrag aufgrund ihrer ordnenden Funktion eine Renaissance voraussagte. In den "things that think", der künstlichen Intelligenz, sieht Bolz indessen eine Forderung des britischen Philosophen Whitehead erfüllt: "Die Zivilisation schafft Dinge, über die wir nicht mehr nachdenken müssen. Über was denken wir aber statt dessen nach? Vielleicht über die Frage, ob wir das alles wirklich brauchen?" Für Norbert Bolz sind die technischen Entwicklungen gleichsam Werkzeuge wie Spielzeuge: "Das Spiel ist der Königsweg im Umgang mit neuen Medien" - eine Erkenntnis, die die Industrie längst nachvollzogen hat.

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