Gesundheit : Was ist eigentlich ein Bild?

Anatol Schneider

Es ist nicht jedermanns Sache, sich mit einfachen Fragen schwer zu tun. Dass dies aber eine Kunst sein kann, davon hat der Baseler Kunsthistoriker Gottfried Boehm an der Humboldt-Universität ein eindrucksvolles Beispiel gegeben. Im Rahmen der Mosse-Lectures sprach der derzeitige Fellow des Wissenschaftskollegs im völlig überfüllten Saal über die Frage: Was ist eigentlich ein Bild?

Es mag Kunsthistoriker geben, die hier schnell mit der Antwort zur Hand sind. Doch jeder Besucher von Gemäldegalerien kennt vermutlich diese Erfahrung: Aus den ausgestellten, mitunter gerahmten Farbkompositionen scheint ein Sinn auf, der schwer in Worte zu fassen ist. Boehm, einer der avanciertesten und bekanntesten Theoretiker der deutschsprachigen Kunstgeschichte, ortete den Grund für diese Schwierigkeit in der "Verwechslung der Grammatik der Sprache mit der Grammatik der Wirklichkeit": Weil Bilder anderen Gesetzen gehorchen als denen der Sprache - unserem wichtigsten Werkzeug beim Begreifen von Wirklichkeit -, erscheint uns ihr Sinn oft dunkel.

Focus und Hintergrund

Die Eigenart bildlicher Darstellungen fasste Boehm in seinem Vortrag "Die Wendung zum Bild" mit den Begriffen Focus und Hintergrund. Mit jedem Blick, mit dem ein Betrachter Punkte auf einem Bild fixiert, stellen sich neue Kontexte und Hintergründe ein. So wird im Hintergrund jeder Bildbetrachtung ein Feld von Unbestimmtheit erzeugt, das in der Kunst gerade keinen Mangel darstellt, sondern aus dem sie ihre "Anschauungsgesättigtkeit" zieht. Boehm resümierte: "Während der sprachliche Aussagesatz alle Unbestimmtheit eliminiert, erzeugen Bilder gerade durch die Unbestimmtheit ihre Logik."

Die vermeintlich einfache Frage nach dem Bild ließ bei Boehm also sogleich den Philosophen zum Vorschein kommen, als der er sich mit seiner Promotion bei Hans-Georg Gadamer tatsächlich auch ausgewiesen hat. Das Projekt einer "Bildwissenschaft", an dem Boehme arbeitet, soll aber auch andere Wissenschaften als die Philosophie mit einschließen, Psychologie, Theologie und andere mehr.

Gleichwohl war seinem Referat mehr an den feinen Unterschieden unserer Weltwahrnehmung gelegen. Ausdrücklich ging es Boehm nicht darum, akademische Begehrlichkeiten zu wecken, die sich bei einem interdisziplinär angelegten Unternehmen mit dem Namen "Bildwissenschaft" regen mögen.

Skepsis gegenüber Überfliegern

So ein Projekt könne seine Faszination auch behalten, wenn es "nicht als Institut, mit Schreibtisch und Telefon" konzipiert sei. Skepsis zeigte der Philosoph Boehm aber auch gegenüber den theoretischen Überfliegern - bei der Frage nach dem Bild, den französischen Großmeistern von Derrida bis Merleau-Ponty. Er selbst ziehe es vor "zu Fuß zu gehen".

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