Gesundheit : Was kann Dr. Flipper?

Delfintherapie hilft behinderten Kindern, sagen deutsche Forscher. Zweifel sind jedoch angebracht

Mila Hanke

Über die Heilkraft der Delfine kursieren seit Jahren Wunderberichte. Nach dem Spiel mit den Tieren können schwerbehinderte oder autistische Kinder sich angeblich besser ausdrücken, sind selbstbewusster, aufmerksamer oder aufgeschlossener. Doch fast alle wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirksamkeit der tierischen Behandlungsform sind methodisch mangelhaft. So konnte nie bewiesen werden, dass die spontanen Verhaltensänderungen auch langfristig bestehen bleiben. Ebenso fehlte der Beleg, dass ähnliche Effekte nicht auch mit Hilfe von Hunden oder Pferden zu erzielen sind – also weniger umstrittenen Varianten der tiergestützten Therapie.

Jetzt liegen erstmals Forschungsergebnisse vor. Eine Forschungsgruppe an der Universität Würzburg hat der Delfintherapie seit 1998 auf den Zahn gefühlt. An der umfangreichen Studie nahmen 118 fünf- bis zehnjährige Kinder mit Autismus, Down-Syndrom und anderen schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen teil. Eine Woche lang wurden sie mit einem eigens entwickelten Delfintherapiekonzept behandelt.

Trotz der ursprünglich aufklärerischen Absichten werden die Forschungsergebnisse von den Studienleitern allerdings eindeutiger interpretiert, als sie tatsächlich sind. Die drei wesentlichen Datenquellen lieferten widersprüchliche Ergebnisse: Die therapeutischen Betreuer, die die kleinen Patienten schon vor Beginn der Studie kannten und langfristig begleitet haben, bemerkten keine positiven Effekte der Spielstunden mit den Meeressäugern. Eine detaillierte Videoanalyse des Interaktionsverhaltens zwischen Eltern und Kind zeigte ebenfalls keine signifikanten Verbesserungen, etwa im Sinne von mehr Eigeninitiative oder gesteigerter Aufmerksamkeit.

Anders beurteilten dies allerdings Mütter und Väter: „Die Eltern beschreiben ihre Kinder als selbstsicherer und bescheinigen ihnen eine höhere sozial-emotionale Kompetenz als vor der einwöchigen Therapie – und das auch noch sechs Monate nach der Behandlung“, sagt Psychologe und Studienleiter Erwin Breitenbach. Und zieht überraschenderweise allein aus dieser Datenquelle das klare Fazit: „Das von uns entwickelte Delfintherapiekonzept wirkt.“

Auch Lorenzo von Fersen, Verhaltensbiologe am Tiergarten Nürnberg und ebenfalls Untersuchungsleiter, ist von der Methode überzeugt: „Der wesentliche Effekt besteht darin, dass die Eltern ihren Nachwuchs mit anderen Augen sehen. Sie erleben, dass ihr Kind im Spiel mit dem Delfin seine Passivität überwindet und sich über einen längeren Zeitraum hinweg auf eine Handlung konzentrieren kann.“ Daraus schöpften die Eltern neue Motivation und neue Ansätze für den gemeinsamen Umgang im Alltag.

Zu Euphorie geben jedoch selbst die positiven Einschätzungen der Eltern keinen Anlass. Aus statistischer Perspektive haben sich die verbale und nonverbale Ausdruckskraft nur in geringem, die zwischenmenschliche Kompetenz der Kinder in mittlerem Maße verbessert.

Weil Breitenbach und von Fersen die Wirksamkeit jedoch für bewiesen halten, soll beim Bau einer 10,3 Millionen Euro teuren Delfinlagune im Nürnberger Zoo nun auch Platz für das besondere Behandlungsangebot geschaffen werden: 2009 soll hier das erste Delfintherapiezentrum Deutschlands seine Tore öffnen. Auch auf der Ostseeinsel Rügen entsteht eine spezielle Einrichtung für Delfintherapie – im Auftrag von privaten Unternehmern.

Karsten Brensing von der Whale and Dolphin Conservation Society in Berlin verfolgt den Einsatz der Meeressäuger für kommerzielle Interessen äußerst kritisch: „Obwohl diese Therapieform bereits seit über 25 Jahren eingesetzt und erforscht wird, konnte bisher noch nicht bewiesen werden, dass die Behandlung mit Delfinen effizienter ist als mit domestizierten Tieren wie Hund oder Pferd.“

Auch die aktuelle Studie konnte hier kein Licht ins Dunkel bringen. Zwar verglichen die Würzburger Forscher Kinder aus der Delfintherapie mit solchen, die an einem Programm mit Tieren auf einem Bauernhof teilnahmen. Wegen unvollständiger Daten aus den Fragebögen ließen sich allerdings keine klaren Schlussfolgerungen ziehen.

Die Begeisterung der Studienleiter macht durchaus skeptisch. Denn das Nürnberger Delfinarium steht wegen seiner Haltungsbedingungen in der Kritik. Seit seinem Bestehen sind in den Becken dreißig Tiere frühzeitig verendet; allein in diesem Jahr kam es zu vier Todesfällen. Tierschutzvereine werfen dem Zoo vor, das Projekt Delfintherapie vor allem zu benutzen, um sein Image zu verbessern.

In Fachkreisen ist die Ausnahmewirkung des Meeressäugers ohnehin umstritten. „Eltern mit autistischen oder schwer behinderten Kindern haben oft einen jahrelangen Therapiemarathon hinter sich – sie wissen einfach nicht mehr weiter“, betont etwa Georg Feuser vom Institut für Sonderpädagogik an der Universität Zürich. „Allein die positiven Erwartungen, die sie an die Delfintherapie knüpfen, dass sie wieder Mut fassen und sich neu auf ihr Kind hin orientieren, sorgt für eine Veränderung der Familiendynamik, die sich auch förderlich auf das Kind auswirkt.“ Weitere Untersuchungen müssten klären, ob die Einstellungsveränderungen der Eltern nicht auch auf weniger exotischem und vor allem kostengünstigerem Wege zu erreichen sind – oder ob der Delfin Haustieren tatsächlich überlegen ist.

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