Gesundheit : Was können Amerikaner von Deutschen lernen?

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DIE AKTUELLE FRAGE

ADRIAN PIPER (55)

ist Professorin für Philosophie am Wellesley College, Boston. Demnächst erscheint: „Das Erbe der Xenophobie in Deutschland, Australien und den USA“.Foto: privat

Frau Piper, Sie wollen die Deutschen zu Lehrmeistern der Amerikaner machen – in Vergangenheitsbearbeitung. Warum?

Die Deutschen haben im Umgang mit ihrer schwierigen Vergangenheit eine Reife erreicht wie kein anderes Land. Teilweise ist das mit dem Zweiten Weltkrieg zu erklären, aber es gibt auch eine Tradition der Selbstreflexion, die schon mit der Philosophie Leibniz’ beginnt. Und das ist eine Fähigkeit, die Deutschland den USA beibringen muss.

Sie loben das „andere Deutschland“ für seine Anstrengungen um Wiedergutmachung. Aber es gibt doch auch das „andere Amerika“.

Sicher, afroamerikanische Forscher erforschen die Geschichte der Sklaverei. Aber die Mehrheit der europäischen Amerikaner hat sich damit nicht beschäftigt. Bei uns lernt man: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Niemand widerspricht, wenn Präsident Bush die Verantwortung für die massenhafte Armut von Afroamerikanern mit dem Argument zurückweist, jeder, der arbeiten wolle, habe die gleichen Chancen. Das ist furchtbar.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine Kampagne zur Aufarbeitung der Geschichte der Sklaverei starten. Würden nicht alle aufschreien: Bitte nicht schon wieder? Dieser Reflex wird jedenfalls in Deutschland immer stärker.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die Deutschen haben die schrecklichen Erinnerungen verinnerlicht, ein Gewissen dafür entwickelt, welche Verbrechen von Deutschland ausgingen. Es schmerzt sie, immer wieder daran erinnert zu werden. In den USA dagegen gibt es eine Tradition, „es irgendwann schon einmal erwähnt zu haben“. Wir haben kein Gewissen, und deshalb wiederholen wir unsere Verbrechen wieder und wieder.

Die Fragen stellte Amory Burchard.

Streitgespräch zum Thema mit Adrian Piper und Adrienne Goehler heute, 19 Uhr, im Potsdamer Einstein Forum, Am Neuen Markt 7.

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