Gesundheit : Was Lehrer leisten

OECD-Experten: Deutsche Pädagogen sind reformfreudig und engagiert – aber häufig unzufrieden

Amory Burchard

Die deutsche Schule befindet sich in einer „schwierigen, aber fruchtbaren Phase des Umbruchs“. Diesen Kernsatz aus dem neuesten Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Situation der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland macht sich Doris Ahnen gern zu eigen. Das teilweise kritische Bild, das fünf OECD-Experten von den Arbeitsbedingungen an den Schulen zeichnen, liefere gute Hinweise, „wie wir weiter arbeiten können“, sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz gestern in Berlin. Die Experten hatten 2003 Schulen in vier Bundesländern – Hamburg, Brandenburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen – besucht und Berichte aus den Ministerien aller Länder ausgewertet.

Großen Wert legen die Bildungsexperten darauf, dass die Qualität des Unterrichts gesichert wird. Für Schulen und Lehrer sollten Ziele formuliert werden. Ob sie sie erreichen, müsse man regelmäßig überprüfen. Dazu gehöre, individuelle Leistungen der Lehrer zu beurteilen, betonen die Autoren des Berichts. Um damit erfolgreich zu sein, müsse an den Schulen ein Klima geschaffen werden, „in dem die Selbstevaluation und die Evaluation durch Kolleginnen und Kollegen als normale, von professioneller Einstellung zeugende Aspekte betrachtet werden.“ Eine gute Idee, findet Doris Ahnen. Sie ist für „eine Evaluationskultur in den Schulen“.

Wer die Qualität des Unterrichts – und damit das Leistungsniveau der Schüler – verbessern will, muss die Lehrer systematisch fortbilden. Weniger erfolgreiche Lehrer sollten gezielte „Unterstützung, Betreuung und Fortbildung erhalten“, heißt es im Bericht. Die bereits eingeleitete verkürzte Erstausbildung an den Unis solle dazu genutzt werden, sich den Lehrern, die schon länger unterrichten, zuzuwenden – und Berufsanfänger besser zu betreuen. Lehrerbildungsstätten müssten den Schulen „maßgeschneiderte“, auf die jeweilige Lehrerschaft bezogene Programme anbieten.

Wie Lehrer sich fortbilden, dürften sie in Zukunft nicht mehr allein entscheiden, sagt auch Ahnen. Kollegien sollten ihren Fortbildungsbedarf gemeinsam definieren und festlegen, welche Lehrkraft diese Aufgabe übernimmt – und ihre Erkenntnisse dann an die Kollegen weitergibt.

Bei ihren Schulbesuchen und Interviews mit Lehrern gewannen die Experten ein ambivalentes Bild der deutschen Lehrerschaft. Zwei Beispiele:

Alt – und erfahren: Die Kollegien vor allem an den Grundschulen sind überaltert, weil in den 60er- und 70er-Jahren für die geburtenstarken Jahrgänge massiv Lehrer eingestellt wurden, die sich jetzt dem Rentenalter nähern. Mit der bevorstehenden Pensionierungswelle kommen endlich „neue Lehrkräfte mit frischen Ideen“ an die Schulen. Gleichzeitig verlören die Schulen durch den Generationswechsel aber „sehr viel Kompetenz und Erfahrung“ und sollten deshalb versuchen, gute Lehrer bis zum Erreichen der Pensionsgrenze zu halten.

Reformfreudig – und frustriert: An den Schulen herrsche ein „gutes Reformklima“. Die Pädagogen sind sehr engagiert und haben in der Regel ein gutes Verhältnis zu ihren Schülern. Obwohl große Klassen und eine zunehmende Zahl von Kindern aus Migrantenfamilien Herausforderungen darstellten, die für Lehrkräfte mit Stress verbunden sind, „scheinen die meisten von ihnen dieser Aufgabe mit einer sehr positiven Einstellung gegenüberzutreten“. Gleichzeitig aber konstatieren die OECD-Experten, die Arbeitszufriedenheit der Lehrer sei „offenbar ziemlich gering“. Interviews vermittelten gar den „Eindruck von einer Art Malaise unter den Lehrkräften“. Beklagt hätten sie sich aber weniger über ihre Schüler, als über geringer werdende soziale Wertschätzung und ungerechtfertigte Kritik aus Politikerkreisen – und zunehmende Arbeitsbelastung.

Was tun, Frau Ahnen? Die KMK-Präsidentin bezeichnet Lehrer-Einstellungsstopps für geburtenschwächere Schülerjahrgänge als „massiven Fehler der Vergangenheit“. Künftig sollen Einstellungskorridore für jüngere Pädagogen geschaffen werden. Aber über 50-jährige Lehrerinnen und Lehrer dürften keinesfalls „abgeschrieben werden“.

Der psychischen Belastung der Lehrer will Ahnen durch die pädagogische Ausbildung vorbeugen. In der Lehrerausbildung sollten die „Bildungswissenschaften“ gestärkt werden: Angehende Lehrer sollen besser als bisher lernen, ihr Fachwissen zu vermitteln. Den Druck, den viele Lehrer auch angesichts der Reformaufgaben verspüren, kann Doris Ahnen nachempfinden. Deshalb widerspricht sie auch der OECD-Kritik an den „nur sehr vorsichtig“ eingeführten Umstellungen des Schulsystems und am langen Zeithorizont. „Die Schritte sind nicht zu klein“, sagt Ahnen. Sie will den Schulen Zeit geben, die Reformen „in Ruhe umzusetzen“.

Bleibt die Unzufriedenheit der Lehrer, die „zu den bestbezahlten der OECD-Länder gehören“, wie die Experten in diesem Zusammenhang betonen. Wie der Lehrerberuf für „kreative, hoch motivierte und dynamische Personen attraktiver“ gemacht werden kann – darüber haben die Berichterstatter genaue Vorstellungen: Sie plädieren für leistungsbezogene Gehaltszulagen und für den schnelleren Aufstieg herausragender Lehrer. Gehaltssteigerungen könnten aber auch verschoben werden, „wenn die Lehrkraft nicht die erwartete Leistung erbracht hat“. Die am weitesten gehende Empfehlung der Experten: Ein System, bei dem alle Lehrkräfte etwa alle fünf Jahre einen „erneuten Befähigungsnachweis erbringen müssen“. Danach wird entschieden, ob ihre Zeitverträge verlängert werden oder nicht.

Zu einem solchen Konkurrenzsystem seien die deutschen Lehrer noch nicht bereit, sagt jedoch die KMK-Präsidentin. Und die OECD-Experten betonten andererseits auch, dass der Beamtenstatus durchaus zur Attraktivität des Lehrerberufs in Deutschland beitrage.

Der OECD-Bericht ist differenziert – und milder formuliert als der von OECD-Koordinator Andreas Schleicher in der vergangenen Woche präsentierte internationale Bildungsbericht, bei dem Deutschland wie berichtet schlecht abschnitt. Die Experten loben die deutschen Reformansätze – darunter den Übergang zu Bachelor und Master. Statt hart zu kritisieren, sprechen sie konstruktive Empfehlungen aus. Ihr Fazit: „Wir haben das Gefühl, hier kurz vor dem Beginn einer historischen neuen Phase in der Entwicklung des Schulsystems zu stehen.“

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