Gesundheit : Was man Leben nennt

Beim Theologentag in Zürich diskutierten Wissenschaftler über den Beginn der Menschwerdung

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Von Friedrich Seven

Wissenschaftliche Religionskritik wird zur Selbstkritik der Wissenschaften. Ein Wissenschaftshistoriker kritisiert den religiösen Eifer und die Sakralisierung des Wissens. Er fordert von den Wissenschaften, dass sie sich daran messen lassen, ob und wie sie für eine umfassende Lebensorientierung dienlich sein können. Mit dieser Überraschung wartete jetzt der Berliner Wissenschaftsgeschichtler Jürgen Renn beim Europäischen Kongress für Theologie in Zürich auf.

Unter dem Thema „Leben: Verständnis. Wissenschaft. Technik“ wollten Theologen und eingeladene Vertreter anderer Fakultäten nach einem gemeinsamen Nenner suchen, der jede Disziplin zu einer Besinnung auf ihr Verständnis von Leben und damit auf ihr Selbstverständnis führen kann.

Der Basler Biologe und Nobelpreisträger Werner Arber machte gleich am ersten Kongresstag darauf aufmerksam, wie das Verständnis vom Leben von der Forschungsrichtung und vom jeweiligen Forschungsstand abhänge. So sei das Verständnis von „Leben“ bei der rapiden Entwicklung der Erkenntnis im Bereich der Einzellerforschung Änderungen unterworfen. Der Freiburger Philosoph Günter Figal erinnerte an die notwendige philosophische Differenzierung zwischen Lebewesen und dem Menschen als einem Wesen, das verstehen kann und damit auch an die subjektive Leistung des Menschen bei der Konstitution von Objektiviät.

In seinem Vortrag über Lebenskunst hielt sich der freie Philosoph Wilhelm Schmid gerade den Verzicht auf grundlegende Besinnung zugute. Er plädierte für eine praktische Philosophie, die im Zugehen auf die Menschen und deren Probleme ihren Sinn finden will. Schmid schilderte, wie ihn seine Arbeit in eine Klinik führt, wo er mit Patienten spricht, um ihnen Partner zu sein bei der möglichen Sinnfindung für ihre persönliche Lebensgeschichte.

Brüchige Biografien

Der Sinn sei bei diesen Gesprächen nicht aus tradierten Existenzformen, Beziehungsmustern und Zuschreibungen zu übernehmen, sondern würde aus der eigenen Befindlichkeit und in persönlichen Perspektiven als individuelle Lebensführung erschlossen. So könnten Brüche in Biografien, die die moderne Gesellschaft sehr viel öfter als früher hervorbringt, als Chancen für eine individuelle Lebensführung begriffen werden. Schmid reklamierte für diese Arbeit den in antiker Tradition stehenden Begriff „Seelsorge“. Er betonte, dass es sich hierbei keineswegs um einen genuin theologischen, sondern einen philosophischen Begriff handele.

So allgemein in Zürich das Thema „Leben“ auch ausgelegt war, so besonders und zeitnah waren dann doch die Fragen, auf die dieser Kongress hinauslief. Plausibel wurde dabei, dass im Blick auf das Grundrecht des Lebens nach dem Zeitpunkt gesucht werden muss, an dem nicht mehr von einer Entwicklung zum Menschen, sondern von seiner Entwicklung als Mensch gesprochen werden kann. Der frühestmögliche Zeitpunkt der Anerkennung seines Menschseins ist zugleich der unbedingt nötige für die Wahrung seines Grundrechts auf Leben. Bekanntermaßen sieht der Göttinger Jurist Christian Starck diesen Zeitpunkt mit der embryonalen Existenz gekommen.

Starck verteidigte diese Position gegenüber anders meinenden Theologen vehement. So wollte der Zürcher Theologe Johannes Fischer den Menschen erst von der Geburt als solchen anerkennen, und argumentierte mit der dialogischen Begründungsrelation zwischen Gott und Mensch, in der sich Gott zu dem Menschen als zu einem personalen Partner verhalten will. Starck fragte dagegen, ob für eine solche personale Partnerschaft das bloße Geborensein schon ausreichen könne.

So kam die Diskussion manchmal über die Binsenweisheit kaum hinaus, dass die Frage nach der Erkennbarkeit in einem Prozess abhängig von dem scheint, das erkannt werden soll. Vielleicht erklärt sich diese Verlegenheit daraus, dass von den Diskussionsteilnehmern kaum die unterschiedlichen Auffassungen mit angesprochen wurden, die zugrunde lagen, wenn von menschlicher Entwicklung gesprochen wurde. Der Unterschied etwa zwischen Theologie und Lebenswissenschaft hätte im Begriff der Potenzialität des Menschen aufgesucht werden müssen, von dem her erst Aussagen über das Leben eines Menschen und seine Zukunft stimmig werden können.

Recht und Biologie

Ein Jurist definiert menschliches Leben als das, was unbedingt vom Grundrecht her anerkannt werden muss. Für den Biologen ist Leben das, was im Forschungsprozess erkannt werden kann. Der Theologe fragt nach dem, was in der Geschichte Gottes mit dem Menschen möglich werden soll.

So drohte das embryonale Stadium in den ontologischen Rang eines Schöpfungsprädikats erhoben zu werden. Der Münsteraner Kirchengeschichtler Albrecht Beutel verwies auf den qualitativen Unterschied zwischen einem Verständnis menschlichen Lebens entweder aus einer biologischen Entwicklung oder aus einem distinktiven Akt von Schöpfung heraus. Gerade diese Differenz müsse notwendig als perspektivische Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Theologie durchgehalten werden. Nur damit habe einst die Theologie auf die Herausforderung durch die Evolutionsbiologie reagieren können.

Der Eindruck bleibt zurück, dass sich bei jedem mit dem Pathos „Bewahrung der Schöpfung“ gerüsteten Versuch, den kategorialen Unterschied zwischen biologischer Beschreibung und religiöser Weltdeutung zu verwischen, die Theologie schon wieder aus der kritischen Selbstreflexion der Wissenschaften verabschieden könnte.

Dann wären die Lebenswissenschaften in ihrem Versuch, sich an der Befähigung zu umfassender Lebensorientierung messen zu lassen, wieder ganz auf sich selbst gestellt und müssten sich ihre Theologie noch suchen.

Der Autor ist Pfarrer im niedersächsischen Scharzfeld.

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