Gesundheit : Was Mengeles Doktorvater wusste

Der amerikanische Historiker Gerald Feldman hält die Geschichtsarbeit der Max-Planck-Gesellschaft für vorbildlich – obwohl manches im Dunkeln bleiben muss

Amory Burchard

Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, beauftragte 1988 Historiker, die Unternehmensgeschichte zu erforschen. Sie sollten die Rolle der Bank in der NS-Zeit „eingehend und vorbehaltlos“ analysieren. Seit 1996 erfolgt diese Arbeit im Historischen Institut der Deutschen Bank. Hubert Markl, Präsident der Max- Planck-Gesellschaft (MPG), setzte 1997 eine Kommission zur „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“ ein. Unabhängige Historiker erforschen seitdem, wie tief die Wissenschaftler der Vorgängerinstitution der MPG in das Nazi-System verstrickt waren. Beide Institutionen wollten anlässlich bevorstehender großer Jubiläen - 125 Jahre Deutsche Bank 1995 und 50 Jahre MPG 1998 – mit ihrer historischen Vergangenheit ins Reine kommen. Warum so spät? Warum aber auch so gründlich?

„Diese Forschung ist aufgrund des Generationswechsels sowohl psychologisch als auch institutionell zumutbar und notwendig geworden“, sagt der amerikanische Historiker Gerald D. Feldman, Direktor des Center for German and European Studies in Berkeley. Die erste Nachkriegsgeneration von Wirtschaftsführern und Wissenschaftsmanagern war ihren Vorgängern und Lehrern zu sehr verbunden gewesen, um deren NS-Verstrickung zu enthüllen. Gerald Feldman selbst, seit den Siebzigerjahren führender Forscher zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Republik, widmet sich erst in jüngerer Zeit der deutschen Unternehmensgeschichte zwischen 1933 und 1945. Er ist Mitglied der unabhängigen Historiker-Kommission der Deutschen Bank. Seit Herbst 2002 forscht Feldman als Gastwissenschaftler des Wissenschaftszentrums und als Humboldt-Stipendiat an der Freien Universität in Berlin. Zum Abschluss seiner Berliner Zeit resümierte Feldman jetzt, was er über die „historische Vergangenheitsbewältigung“ herausfand.

Mit seiner Arbeit zur NS-Unternehmensgeschichte hat sich der 1937 geborene Feldman einer Historiker-Avantgarde angeschlossen, die ihrerseits aus dem Schatten der großen Nachkriegswissenschaftler tritt und seit Mitte der Neunzigerjahre „einen historiografischen Dammbruch“ auslöste. Denn neben den exemplarischen Forschungsprojekten von Deutscher Bank und Max-Planck- Gesellschaft arbeiten heute fast alle großen Unternehmen und Institutionen ihre NS-Vergangenheit systematisch auf. In der Wirtschaft ist das nicht nur dem Generationswechsel zu verdanken, sondern auch dem zunehmenden Druck von außen: Sammelklagen in den USA, die die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter und der um Bankguthaben und Versicherungen betrogenen Opfer zum Ziel hatten. Der erste Reflex vieler Unternehmen war es, Verantwortung pauschal zurückzuweisen; der zweite, Historikern die Archive zu öffnen. Und auch der Fall des Eisernen Vorhangs ermöglichte den Zugang zu lange verschlossenen Archiven. Was nun ist bei der Analyse der NS-Vergangenheit der Deutschen Bank und der Vorgängerinstitution der Max-Planck-Gesellschaft herausgekommen? Vieles, aber nicht alles, sagt Gerald Feldman. So wisse man heute, dass Otmar Freiherr von Verschuer, Leiter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) für Anthropologie, Menschliche Erblehre und Genetik, von Mengeles Verbrechen in Auschwitz gewusst habe. Verschuer war Mengeles Doktorvater, und er unterstützte dessen Menschenversuche, indem er erlaubte, Blut- und andere Proben der Opfer am KWG zu analysieren. Trotzdem unterzeichnete Adolf Butenandt, Leiter des KWI für Biochemie und späterer Präsident der MPG, 1949 einen „Persilschein“ für Verschuer.

Was hat nun Butenandt gewusst? Wie viel diesem und anderen Wissenschaftsmanagern tatsächlich über die Verbrechen bekannt war, ob sie daran teilhatten oder gar persönlich verantwortlich waren, ließe sich vielleicht nie mehr genau klären, sagt Feldman. Das gelte auch für Hermann Josef Abs, den Chef der Deutschen Bank, „der von vielen amerikanischen Ermittlern als Kriegsverbrecher eingestuft wurde“. Offenbar wusste Abs, dass das Gold, mit dem die Deutsche Bank in der NS-Zeit operierte, Raubgold war und dass es sich dabei teilweise um Opfergold handelte. Abs’ Archiv stünde der Forschung heute offen, sagt Feldman. Die Archive anderer Manager seien aber oft vernichtet worden oder würden bis heute von den Familien unter Verschluss gehalten. Je mehr man jedoch über die Netzwerke erfahre, in die die Akteure in Wissenschaft und Wirtschaft eingebettet waren, desto deutlicher werde: „Statt, wie es später hieß, das Schlimmste zu verhindern, nutzten sie alle Möglichkeiten, die ihnen die nationalsozialistische Rassen- und Eroberungspolitik bot.“

Die Beschäftigung der Max-Planck-Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit ist zweifellos vorbildlich. Regelmäßig werden neue Forschungsergebnisse zur NS-Zeit veröffentlicht. Aber dass die Arbeiten der Historiker auch in das Bewusstsein der heutigen Wissenschaftler dringen, ist nicht garantiert. Das zeigt der Fall Heinrich Krauts, des hochgeehrten Gründers des MPI für Ernährungsphysiologie in Dortmund.

Als Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft rief er 1944 die „Krautaktion“ ins Leben: Zwangsarbeiter der Ruhr-Betriebe erhielten bei Leistungssteigerung zusätzliche Kost, bei verminderter Leistung wurde sie ihnen verwehrt. Als Sachverständiger bei den Nürnberger Prozessen behauptete Kraut dann, Zwangsarbeiter in Auschwitz hätten täglich sogar 20 überschüssige Kalorien erhalten. Auf der Homepage des Dortmunder MPI sind diese neueren Erkenntnisse aber noch nicht angekommen, kritisiert Feldman. Dort heißt es, die Mangelernährung der Deutschen in der Nachkriegszeit habe Kraut sehr beschäftigt, denn: „Kraut war stets bemüht, seine Forschungsergebnisse für die Bevölkerung nutzbar zu machen.“

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