Gesundheit : Was noch zu retten ist

Vielen ostdeutschen Forschern geschah nach der Wende Unrecht. Berlins Wissenschaftssenator will sie jetzt rehabilitieren

Amory Burchard

Der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß hat es öffentlich bereut: „das persönliche Unrecht“, dass der Wissenschaftsrat unter seiner Mitwirkung ostdeutschen Wissenschaftlern angetan habe. Leistungsfähige Akademieangehörige seien in der Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung entlassen, unzureichend weiterfinanziert und schließlich ganz fallen gelassen worden. Er wünsche sich den Versuch, dieses Unrecht „gutzumachen“, sagte Mittelstraß vor zwei Jahren in Berlin – „und sei es auch nur auf symbolische Weise“. Einen symbolischen Akt der Wiedergutmachung plant jetzt Berlins Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS): Er will Ost-Berliner Hochschullehrer nachträglich in den Ruhestand verabschieden.

Mit dem geplanten Festakt will Flierl eine Empfehlung eines Gutachtens über „Die Ost-Berliner Wissenschaft im vereinigten Berlin“ umsetzen. Flierls Verwaltung hatte es im Mai 2003 in Wittenberg in Auftrag gegeben – beim Institut für Hochschulforschung, an das sein zurückgetretener Staatssekretär Peer Pasternack im Herbst zurückkehrte. Pasternack selbst hatte sich für die Expertise seines Instituts eingesetzt – und dies wegen des geringen Auftragsvolumens von 20 000 Euro für unbedenklich erklärt.

Radikaler Umbau

Der Umbau der Ost-Berliner Wissenschaft an den Hochschulen und Akademie-Instituten war radikal. Ein Beispiel: Drei Viertel der Professorenschaft der Humboldt-Universität mussten die Universität bis 1994 verlassen (davon ein Viertel aus Altersgründen); und 87 Prozent der Dozenten wurden nicht weiterbeschäftigt. Wer die Universität verlassen musste, entschied eine Reihe von Kommissionen der Universität, die über die „persönliche Integrität“, also über politische oder geheimdienstliche Verstrickungen der Wissenschaftler und über deren fachliche Kompetenz urteilten. Beide Kriterien stellen die Wittenberger Gutachter teilweise in Frage: So seien IM-Tätigkeit und politische Ämter anfangs recht rigoros und später differenzierter ausgelegt worden. Und die fachliche Begutachtung sei uneinheitlich ausgefallen – auch an den außeruniversitären Akademie-Instituten. Dort verlor die Hälfte des Personals seinen Arbeitsplatz.

Tausende ostdeutscher Wissenschaftler wurden aber auch weiterbeschäftigt. Vor allem Naturwissenschaftler fanden Arbeit in neu gegründeten Max-Planck-, Fraunhofer, und Blaue-Liste-Instituten, die in den neuen Bundesländern eingerichtet wurden. Die Integration von Geistes- und Sozialwissenschaftlern erwies sich als weitaus schwieriger, nicht zuletzt weil ihnen die Nähe zum DDR-System eher angelastet – oder auch nur unterstellt wurde. Sie kamen in sechs eigens geschaffenen Geisteswissenschaftlichen Zentren (GWZ) in Ostdeutschland unter, drei davon existieren bis heute in Berlin. Ihre Finanzierung ist allerdings nur bis 2006 gesichert. Noch unsicherer sind die Jobs im Wissenschaftler-Integrationsprogramm (WIP), mit dem 1700 positiv evaluierte Akademie-Forscher an die Hochschulen gebracht werden sollten. Ihre Stellen waren stets befristet – und kaum einer konnte in eine Dauerstelle wechseln: 16 von ehemals 540 Berliner WIP’lern.

„Das Unrecht gutmachen“ will heute nicht nur der Philosoph Mittelstraß. Der Wissenschaftssenator trägt allein schon mit der Veröffentlichung des Gutachtens zur Rehabilitation der übereilt abgewickelten Forscher bei. Denn das Wittenberger Institut stellt auch fest: Die „unzulänglich genutzten Kompetenzen“ der ostdeutschen Wissenschaftler – darunter Insiderwissen über die DDR und Osteuropa-Kompetenzen – seien ein empfindlicher Verlust für die Gesellschaft. Gleichzeitig haben die Gutachter eine „Zweite Wissenschaftskultur“ in der Stadt entdeckt: private Institute und Vereine ehemaliger Ostwissenschaftler, die das öffentliche Leben mit zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen bereichern. Solche Institutionen, darunter der Verein für angewandte Konfliktforschung und der Absolventen- und Freundesverein der Moskauer Lomonossow-Universität, waren auch an der Wittenberger Studie beteiligt: bei einer schriftlichen Umfrage und bei einem Runden Tisch.

Kein Geld für Wiedergutmachung?

Aber eine echte Wiedergutmachung für Wissenschaftler, die in dauernde soziale Unsicherheit stürzten, wird es wohl nicht geben. In der Expertise werden zwar Empfehlungen ausgesprochen, die vor allem der „mittleren Generation“ aufhelfen sollen: einen Stellenpool beim Wissenschaftssenator, aus dem Hochschulen bedient werden, und eine Sockelfinanzierung für unabhängige sozialwissenschaftliche Institute etwa. Auch solle die Leibniz Societät, die aus der Akademie der Wissenschaften der DDR hervorging, dauerhaft finanziell gesichert werden. Aber Geld dafür wird es im ohnehin schon knappen Berliner Wissenschaftshaushalt wohl nicht geben. So hat sich Senator Flierl denn an einen Vorschlag gehalten, der laut Gutachten „keine Haushaltsmittel“ kosten würde: die nachträgliche Verabschiedung der Ost-Berliner Hochschullehrer.

Das Gutachten im Internet:

www.http://senwisskult.berlin.de/2_hochschulen/inhalt/2_hochpolitik/

7_expertengutachten/pdf/ost_berlin_abschlussbericht.pdf

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