Was Schizophrenie für die Angehörigen bedeutet : Das gespaltene Ich

Wenn ein junger Mensch an Schizophrenie erkrankt, leiden auch die Angehörigen – vor allem Eltern. Eine Berlinerin hat jetzt ein Buch über die Erfahrungen mit ihrer Tochter geschrieben.

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Bei mehr als der Hälfte der Betroffenenen bricht die Schizophrenie zwischen Pubertät und 30. Lebensjahr aus
Bei mehr als der Hälfte der Betroffenenen bricht die Schizophrenie zwischen Pubertät und 30. Lebensjahr ausFoto: picture-alliance / allOver

Ein schönes junges Mädchen, 17 Jahre alt, begabt, begeisterungsfähig, beliebt und liebenswürdig. Gerade bereitet sie sich in einem englischen Internat auf das Abitur vor. Ihre Mutter kann stolz sein und glücklich. Bis sich der Boden unter ihr auftut: Sie muss ihre Tochter von einem Tag auf den anderen aus England abholen, das Mädchen benimmt sich nach Aussagen der Schulleitung unmöglich, hat vielleicht Drogen genommen.

„Ihre Tochter hat Schizophrenie“, sagt ihr wenig später in Deutschland eine Ärztin. Sie wird den Augenblick, in dem sie die Diagnose hörte, nicht mehr vergessen. „Ist Schizophrenie nicht diese entsetzliche Krankheit, mit der man rasende, gefährliche Menschen assoziiert, die mit abstehenden Haaren und wahnsinnigem Blick ihre Umgebung bedrohen?“, so ging es der Mutter blitzschnell durch den Kopf. Das ist inzwischen mehr als 15 Jahre her, und die Berlinerin Janine Berg-Peer hat ein Buch über die Zeit geschrieben, die zwischen damals und heute liegt: „Schizophrenie ist scheiße Mama! Vom Leben mit meiner psychisch kranken Tochter (Fischer Taschenbuch 2013, 9,99 Euro).

„Ich habe lange gezögert, über dieses Thema zu schreiben“, erzählt sie im Gespräch. „Doch mein Anliegen war, die Krankheit aus der Schmuddelecke herauszuholen. Es existieren so viele falsche Bilder, vom gefährlichen Verrückten, vom heiteren Narren. Das alles stimmt so nicht, doch Schizophrenie kann eine furchtbare Krankheit sein.“

Das Leiden, das wörtlich „Spaltung der Seele“ heißt, bricht bei mehr als der Hälfte der Betroffenen in der Zeit zwischen der Pubertät und dem 30. Geburtstag aus. Es geht mit Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Denkstörungen und bizarr erscheinenden Verhaltensweisen einher, aber auch mit deutlich eingeschränkter Aktivität.

Schulische und berufliche Karrieren, Freundschaften und Beziehungen stehen angesichts dieser Symptome und der oft langwierigen Behandlungen auf dem Spiel, aber auch die Nebenwirkungen der Medikamente setzen den Betroffenen zu. Belastend ist das alles aber nicht zuletzt für die Angehörigen, in diesem Fall meist die Eltern.

Das Bankkonto wird überzogen, Praktika brechen abrupt ab, in der Wohnung herrscht Chaos, mit den Nachbarn bricht oft Streit aus

„Eine psychische Erkrankung bricht wie eine Naturgewalt in eine Familie ein. Alles gerät in Unordnung“, schreibt Berg-Peer. „In leisen Gesprächen am Rande von Tagungen haben mir auch andere Mütter davon erzählt, dass sie darüber nachgedacht haben, ihrem Leben ein Ende zu setzen.“ Einen Austausch darüber gab es für sie erst einige Jahre nach Beginn der Erkrankung ihrer Tochter, als sie Kontakt zum Verband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (ApK) gefunden hatte. Heute engagiert sie sich dort aktiv, ist außerdem deutsche Repräsentantin beim Europäischen Dachverband der Familien mit psychisch kranken Angehörigen (EUFAMI). Was ihr selbst gutgetan hat, soll auch anderen nützen: Auf Menschen zu treffen, die die Veränderungen des Alltags aus eigener Erfahrung kennen. Veränderungen, die sie selbst überraschten und kalt erwischten. Ob es nun um das immer wieder überzogene Bankkonto geht, um abrupte Abbrüche hoffnungsvoll begonnener Praktika, Konflikte mit dem Vermieter und den Nachbarn, um das periodisch ausbrechende Chaos in der Wohnung, um unpassende Kleidung oder lautstarke Szenen, die die Tochter der Mutter in der Öffentlichkeit macht. „Die unverständlichen, zerstörerischen, feindseligen bis aggressiven Verhaltensweisen als Krankheit zu verstehen ist schwierig.“

Janine Berg-Peer erkannte ihre sanfte, gepflegte, rücksichtsvolle Tochter nicht wieder. Sie musste lernen zu akzeptieren, dass die Krankheit zeitweise „einen anderen Menschen“ aus ihr machte. „Es ist Lenas Krankheit, nicht Lena.“ Ein Gedanke, der helfen kann, auffälliges Verhalten nicht mehr als peinlich zu erleben. Viele Angehörige schwer psychisch Erkrankter sind gezwungen, den Umgang damit zu lernen. „Die Umwelt sollte Verständnis dafür haben, dass es uns manchmal schwerfällt.“ Das gilt auch, wenn Kinder oder Partner unter Suchterkrankungen leiden oder unter einer bipolaren Störung, bei der sich „manische“ Perioden des Hochgefühls und der oft kritiklosen Hyperaktivität mit Phasen der depressiven Niedergeschlagenheit abwechseln.

Berg-Peer half die Erkenntnis, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Tochter sich dieses Schicksal nicht ausgesucht hatte. Dass sie ihre gesunden Altersgenossen beneidete. „An wem, außer an mir, soll sie ihre Wut auslassen? Sie weiß, dass ich trotz allem immer für sie da sein werde. Und seitdem ich mir das bewusst gemacht habe, geht es mir besser.“

Berg-Peer möchte auch zeigen, wo die professionelle Hilfe optimiert werden kann

Lange Zeit plagten sie dabei die typischen mütterlichen Schuldgefühle: Trug sie nicht eine Mitverantwortung an der Erkrankung – eben weil sie die Tochter zu sehr bemutterte? Nur ist es schwer, sich loszulösen, dem eigenen Kind ausgerechnet dann entspannt beim Abnabeln zuzusehen, wenn es zwar erwachsen wird, doch durch die Krankheit partiell auch seine Zurechnungsfähigkeit verliert. Schuldgefühle entgegengesetzter Art kamen auf, als die Mutter sich endlich eine Reise ganz allein gönnte. Bedeutete das nicht, ein krankes Kind im Stich zu lassen? Wie auch immer: Im Krankenhaus fühlte sie sich unter Beobachtung. „Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass in der Psychiatrie nicht nur die Patienten beobachtet und diagnostiziert werden, sondern ich als Mutter ebenfalls.“

Die Anforderungen sind uferlos: „Niemand kann je genug für einen psychisch kranken Menschen tun.“ Zu mehr Gelassenheit kann den Angehörigen schwer psychisch Erkrankter neben der Mitarbeit in der Selbsthilfegruppe im Notfall die bundesweite telefonische Beratung „Seelefon“ verhelfen. Seit dem Jahr 2000 bieten hier Angehörige und Betroffene ihre Hilfe als Berater an, um andere aus ihrer eigenen Erfahrung heraus klug zu machen.

Janine Berg-Peer
Janine Berg-PeerFoto: Promo

Mit ihrem Buch möchte Berg-Peer aber auch zeigen, wo die professionelle Hilfe optimiert werden könnte. Sie wünscht sich, dass sich Ärztinnen und Ärzte vor allem zu Beginn der Erkrankung mehr Zeit für das Gespräch mit Eltern oder Ehepartnern nehmen. „Wir brauchen mehr Informationen, und zwar nicht über Neurotransmitter.“ Ganz banale Informationen können helfen, Entwicklungen zu erwarten statt über sie zu erschrecken, zum Beispiel über Nebenwirkungen der Medikamente, die bei vielen Patienten mit einer Schizophrenie oder einer bipolaren Störung zu einer deutlichen Gewichtszunahme führen: „Man muss den Eltern helfen, wenn man dem Kind helfen will.“

Ein weiterer Wunsch betrifft das Verhalten von Verwandten, Freunden und Bekannten. Selten werde Eltern, deren Kind gerade in eine psychiatrische Klinik kam, oder auch einem Menschen, der gerade von dort entlassen wurde, ein Blumenstrauß oder ein Korb mit Obst geschickt. Doch man sollte es tun, davon ist Berg-Peer überzeugt: „Wer einer Angehörigen – oder dem Erkrankten – eine Freude machen will, der sollte sich überlegen, was er tun würde, wenn derjenige eine Blinddarmoperation überstanden hätte.“ Bei Burn-out oder Depressionen ist die Gesellschaft wohl schon einen Schritt in Richtung solcher Normalität gegangen. Im Umgang mit Psychosen, bipolaren Störungen oder Suchterkrankungen ist sie noch weit davon entfernt.

Weitere Informationen beim Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, www.bapk.de (Landesverband Berlin: www.apk-berlin.de). Das „Seelefon“ ist unter (0180) 595 09 51 oder (0228) 71 00 24 24 zu erreichen, per E-Mail unter seelefon@psychiatrie.de

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