Gesundheit : Was tun gegen die „Horror-Fächer“?

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DIE AKTUELLE FRAGE

ELKE SUMFLETH

ist Professorin für Didaktik der Chemie an der Universität DuisburgEssen und erforscht derzeit Probleme des naturwissenschaftlichen Unterrichts in der Schule.

Foto: privat

Ihre Forschergruppe untersucht die Probleme des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Wo setzen Sie an?

Wir fragen, welchen Stellenwert die Naturwissenschaften an den Schulen haben, wie steht es mit den Sitzenbleiberquoten und dem Unterrichtsausfall? Was passiert im Chemie-, Physik- und Biologieunterricht in Deutschland? Welche Methoden wenden Lehrer an, wie arbeiten Schüler in Kleingruppen, wie lösen sie selbstständig Probleme? Was ist eigentlich guter Unterricht?

Warum produzieren die Schulen so wenige Nachwuchs-Chemiker und -Physiker?

Die Zahl der Studienanfänger schwankt zwar, hängt aber von ganz anderen Faktoren als Schule ab. In Chemie und Physik sind die Studentenzahlen eingebrochen, als die Industrie nicht mehr eingestellt hat. Zurzeit nehmen die Studentenzahlen wieder zu.

Aber offenbar erleben doch sehr viele Schüler Chemie, Physik und Mathe als „Horrorfächer“. Wer ist Schuld?

Schule kann niemals allein Akzeptanz für Unterrichtsfächer herstellen. Das ist auch eine Aufgabe für Medien, Politik und Gesellschaft. Leider gilt es als schick, auf einer Party zu sagen, dass man von Mathe keine Ahnung hat. Wenn die Mütter deutlich machen, dass sie das auch schon nicht gekonnt haben, werden die Kinder es nicht lernen.

Was kann die Schule tun?

Naturwissenschaften tragen zu wenig zur Schulkultur bei. Es gibt Theater- und Orchestergruppen, Sportwettbewerbe, aber Aktionen wie „Jugend forscht“ kommen im Schulalltag wenig vor. Das müsste sich ändern. Man könnte diese Fächer als kognitive Herausforderung positiv hervorheben. Schüler, die erleben, dass sie in diesen Fächern kompetent sind, werden das mit steigendem Interesse belohnen.

Warum gelingt das heute nur so selten?

Die Alltagsrelevanz müsste deutlicher werden. Auch sind viele Aufgaben nicht schüleradäquat. Aufgaben müssen an das Vorwissen der Schüler anknüpfen. Der Unterricht soll nicht inselartiges Wissen anbieten, sondern kumulativ Wissen aufbauen.

Physik- und Chemielehrer, die gut erklären können, scheinen selten zu sein.

Die Lehrerausbildung ist sehr am Fach orientiert und wenig an Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft, vermittelt also beispielsweise wenig über kognitive Fähigkeiten der Schüler. In Berlin zum Beispiel gibt es nicht eine einzige Professur für Chemie-Didaktik.

Warum glückt meist der Sprung vom spannenden Experiment zur Formel nicht?

So einfach ist das nicht. Der Schüler interessiert sich ja nicht wirklich für das Experiment, sondern für das Basteln. Erklärungen spielen dabei keine Rolle. Kleine Kinder stellen aber noch die Warum-Frage: Da muss man rechtzeitig ansetzen und das ausbauen.

Die Fragen stellte Amory Burchard.

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