Gesundheit : Was vom Mythos Buch geblieben ist

Hans von Seggern

Im medialen Wandel hat das Medium Buch eine doppelte Identität: Zum einen symbolisieren Bibliotheken die Papier gewordene kulturelle Erinnerung, das Weltwissen. Gelehrte, Kaufleute, Politiker, Künstler – alle lassen sich gerne vor einer Bücherwand porträtieren. In der Zeitschrift „Stern“ war kürzlich der Popstar Dieter Bohlen vor einer auffällig nach Farb- und Dekowert arrangierten Buchwand zu sehen – in lässiger Pose auf dem Boden sitzend. Bildunterschrift: „Als Teenager las er Marx, nicht Bild.“

Auch im Zeitalter von Hightech setzt die Werbe-Ikonographie auf den Mythos „Buch“, sagte Buchwissenschaftlerin Ursula Rautenberg aus Erlangen jetzt bei einer Tagung im Berliner Literaturhaus. So gibt es TV-Möbel in Buchform, gefüllt mit Videos und CDs. Eine Computer-Werbung zeigt einen jungen Mann, der sich in ein per Strickleiter zugängliches Baumhaus zurückgezogen hat – mit aufgeklapptem Notebook. Bildschirm und Tastatur zeigen eine historische Bibliothek. Zu seinen Füßen spielen die Kinder.

In der Hitliste von Lieblingsaktivitäten der Deutschen rangiert das Bücherlesen dabei abgeschlagen auf Platz acht. Davor rangieren Tätigkeiten wie Musik hören, Fernsehen, Partys feiern oder Auto fahren. Zwischen dem gedruckten Text und dem Verstehen steht eben die Konstruktion von Sinn als Leistung des lesenden Subjekts. Eine Leistung, die heute überwiegend als Anstrengung empfunden wird. So überlagert der Mythos Buch mittlerweile das Erlebnis des Lesens selbst.

An der Colorado State University, fand Rautenberg heraus, gibt es mittlerweile mehr Laptops als Bücher. Bücher werden in Lager gebracht, um Platz für Computer zu schaffen. Doch auch eine universale Digitalisierung vormals gedruckter Wissensbestände ist keine Garantie gegen den Gedächtnisverlust. Auch CD-Roms können schimmeln. Und unablässig arbeiten „Hacktivists“ am Megavirus, dem „Deconstructor“, der das Netz der Netze eines Tages zum Erliegen bringen wird.

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