Gesundheit : Was von Humboldt bleibt

Gemeinsam zur Elite? Zukunftsideen der Unipräsidenten aus Wien, Zürich und Berlin

Uwe Schlicht

In den 25 Ländern der Europäischen Union gibt es rund 4000 Hochschulen, von denen sich 1000 als „Volluniversitäten“ verstehen. Sie umfassen das große Spektrum von der Theologie und den Geisteswissenschaften, der Lehrerbildung, den Sozialwissenschaften und Jurisprudenz bis zu den Naturwissenschaften und der Medizin. Technikwissenschaften und Kunstwissenschaften haben jeweils eigene Hochschulen. Das wird so nicht bleiben. Dafür sorgen schon neue Wissenschaften, die für klassische Volluniversitäten ebenso bedeutend sind wie für Technische Universitäten: Die Informatik benötigen beide als Querschnittswissenschaft, die Materialwissenschaften sind für Techniker wie für Physiker an den klassischen Universitäten von entscheidender Bedeutung. Und die Molekularbiologie, das gemeinsame Kind der Mediziner und Biologen, wird neuerdings auch für die Techniker immer interessanter.

Forschungsuniversitäten mit einem möglichst umfassenden Fächerspektrum, wie es Volluniversitäten entspricht, seien teuer, gab der Präsident der Universität Wien, Georg Winkler, gestern in Berlin zu bedenken. Bei einem trilateralen Treffen der Universitäten Wien und Zürich mit und an der Humboldt-Universität rechnete Winkler seinen Kollegen vor: Forschungsuniversitäten benötigten einen Jahresetat von einer Milliarde Dollar, um etwa 1000 Wissenschaftler beschäftigen zu können. Daher werde sich die Zahl von etwa 1000 Volluniversitäten in der nächsten Zeit auf etwa 300 reduzieren. Ein deutliches Zeichen für diesen Richtungswechsel sei der deutsche Exzellenzwettbewerb, an dessen Ende aus über 100 Universitäten zehn Eliteuniversitäten hervorgehoben werden sollen.

Auf diesem Weg der Differenzierung wollen sich Berlin, Wien und Zürich mit ihrer vor zwei Jahren geschmiedeten Allianz gegenseitig unterstützen. Die Partner, die gestern erstmals an die Öffentlichkeit gingen, wollen künftig intensiver zusammenarbeiten. Der Präsident der Universität Zürich, Hans Weder, betonte, dass sich alle drei Universitäten zur Breite und Vielfalt der Wissenschaft bekennen. Sie dächten nicht daran, sich nur auf ein oder zwei Fächer zu fokussieren, um wenigsten in ihnen die Weltspitze zu erreichen.

Das Prestige einer Volluniversität birgt jenseits der enormen finanziellen Aufwendungen aber noch andere Risiken. HU-Präsident Christoph Markschies beschwor die Gefahr, dass sich die vielen Wissenschaftler einer Volluniversität eher mit ihren Fächern als mit der gesamten Universität identifizieren. Könne man sich da noch auf den international anerkannten Ideengeber der modernen Universität, Wilhelm von Humboldt, berufen, fragte Markschies. Er sehe eher in dem Theologen Schleiermacher den geistigen Vater der Berliner Reformuniversität von 1810. Humboldt habe Schleiermachers Ideen in Verwaltungshandeln und ein politisches Konzept umgesetzt.

Die Idee der Einheit der Wissenschaft und ihrer Differenzierung, die mit den Namen Schleiermachers und Humboldts verbunden ist, könne nur durch eine radikale Transformation vom Ideal in die heutige Wirklichkeit gerettet werden, sagte Markschies. Denn es sei nicht mehr zu erwarten, dass im Interesse der Einheit der Universität die vielen anderen Wissenschaften „demütig den Wahrheitsanspruch der Philosophie akzeptieren“. Die Einheit der Wissenschaft müsse aber an einer Volluniversität als „zentrale Orientierung zeichenhaft präsent“ gehalten werden. Und das sei nur mit einer starken Universitätsleitung möglich, betonte Markschies. Starke finanzielle Anreize müssten Zentren zugute kommen, die die interdisziplinäre Forschung über die Fakultätsgrenzen hinweg fördern. Markschies’ Vision ist zugleich eine Kritik an der Universitätswirklichkeit: „Die Vielfalt der Wissenschaft darf nicht nur durch Vorlesungsverzeichnisse zusammengehalten werden. Sonst überleben wir die nächste Sparrunde in Berlin nicht.“

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