Gesundheit : Was Zensuren verschweigen

Vor der neuen Schulleistungsstudie „Desi“: Wissenschaftler kritisiert fehlende Gerechtigkeit im Englischunterricht

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Wie gut sind Deutschlands Neuntklässler im Englischunterricht? Das wird die neue „Desi“-Studie („Deutsch-Englisch-Schülerleistungen International“), zeigen, die am Freitag von den Kultusministern vorgestellt wird. Einen Vorgeschmack geben Untersuchungen aus Berlin. Mindestens zwei Schuljahre lagen die Zehntklässler im Stoff auseinander, die Wolfgang Zydatiß, Professor für Englische Fachdidaktik an der Freien Universität, in den vergangenen Jahren untersuchte. Auch innerhalb der Gruppe der Gymnasiasten oder der Realschüler klafften gewaltige Leistungsunterschiede. 77 Prozent der Realschüler, die Zydatiß im Jahr 2001 testete, erreichten nur die niedrigste von drei „Kompetenzstufen“. Auf gleich niedrigem Niveau waren 17 Prozent der 2002 geprüften Gymnasiasten.

Gravierende Schwächen bei Schülern aller Schulformen legten auch die Vergleichsarbeiten offen, die alle Berliner Zehntklässler in Englisch schreiben müssen, zuletzt im Mai vor einem Jahr. Unter den Hauptschülern zum Beispiel fielen 37 Prozent durch. Fast ebenso viele Realschüler scheiterten (34 Prozent).

Doch weit freundlicher, als diese Ergebnisse der Vergleichsarbeiten nahe legen, fielen die Zensuren der Schüler auf den Halbjahrszeugnissen aus. So erreichten nur 45 Prozent der Berufsfachschüler bei den Vergleichsarbeiten den Mindeststandard. Doch 86 Prozent erhielten die „Note 4 oder besser“. Und nur 47 Prozent der Gesamtschüler in „A-Kursen“, dem niedrigsten Kurslevel in der Gesamtschule, erreichten die Mindestanforderungen der Vergleichsarbeiten. Trotzdem bekamen 94 Prozent mindestens eine vier auf dem Halbjahrszeugnis. Zwar fließen in die Zeugnisnote auch mündliche Leistungen ein. Aber dadurch allein ist diese Kluft nicht zu erklären, wie es aus der Berliner Schulverwaltung heißt.

Der Bewertungsmaßstab der Lehrer ist ein von ihnen beobachteter Klassendurchschnitt. Objektive Messlatten stellt ihnen die Schulbehörde schließlich auch nicht zur Verfügung, in anderen Bundesländern ist das nicht anders. Das Ergebnis ist ein dramatischer Verlust der Aussagefähigkeit von Schulzensuren: Die tatsächliche Kompetenz der Schüler – hier im Fach Englisch – wird im Notensystem nur ungenügend abgebildet. Schon verschiedene Studien, darunter Pisa, haben das Problem beleuchtet.

Wie krass das Missverhältnis zwischen den Zensuren und der tatsächlichen Kompetenz ist, zeigt Zydatiß’ noch unveröffentliche Untersuchung von Schülern, die einen Teil ihres Fachunterrichts in englischer Sprache erhalten hatten: in der neunten Klasse ist es meist Geographie, in der zehnten auch noch Geschichte oder Biologie. Zur Vorbereitung haben die Schüler schon in der 7. und 8. Klasse eine erhöhte Stundenzahl in Englisch: statt vier Stunden sechs oder sieben. In Berlin gibt es einige Dutzend solcher Schulen mit Fachunterricht in der Fremdsprache, bundesweit dürften es über 600 sein, schätzt Zydatiß. Der Fachunterricht in der Fremdsprache, vor 40 Jahren von Deutschland und Frankreich in der Rheinregion im Geist der Aussöhnung eingeführt, wird inzwischen in den meisten Ländern der Europäischen Union und in verschiedenen Fremdsprachen angeboten, als „Content and Language Integrated Learning“ (CLIL).

Unter den 2002 von Zydatiß getesteten „bilingualen“ Berliner Gymnasiasten kommen 66 Prozent auf das höchste Niveau, also mehr als drei Mal so viel wie Gymnasiasten aus den Regelklassen (siehe Grafik). Auch die bilingualen Realschüler erreichten die höchste Kompetenzstufe häufiger als die Gymnasiasten aus Regelklassen (32 Prozent gegenüber 19 Prozent).

Die im Schnitt erheblich besseren Schülerleistungen verweisen auf den großen Erfolg des Fachunterrichts in der Fremdsprache. Trotzdem verlässt ein Drittel der Schüler im bilingualen Zweig am Gymnasium diesen nach Klasse 10 und 11 und wechselt in Regelgruppen, wie Zydatiß festgestellt hat. Viele dieser Schüler wollten damit ihren Abiturdurchschnitt heben und der „Gerechtigkeitsfalle“ entgehen, kritisiert er in seiner Studie. Sie sähen ihre überproportional guten fremdsprachlichen Leistungen nicht angemessen bei der Notengebung honoriert. Trotz ihrer höheren Kompetenz müssten sie sich bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz mit einer ähnlichen Zensur wie unterlegene Regelschüler bewerben.

Denn die Lehrer orientierten sich bei den Zensuren an der jeweiligen Lerngruppe und nun einmal nicht an einer „sachbezogenen Vergleichsnorm“, kommen also für jede Gruppe zu einer Gaußschen Normalverteilung. Gehe man von den tatsächlichen Kompetenzen der Schüler aus, müssten 53 Prozent aller „bilingualen“ Schüler die Noten 1 und 2 in Englisch bekommen (gegenüber vier Prozent in Regelklassen), während sogar zwei Drittel (67 Prozent) aller Regelschüler eine 5 oder 6 erhalten müssten.

Zydatiß fordert mehr „Transparenz und Gerechtigkeit“. Doch weder die neuen „Bildungsstandards“ noch die neuen einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur (EPA) leisteten das: Die Standards der Kultusministerkonferenz schwiegen zur Bewertung. Und auch in den EPA gebe es keine klaren Kriterien, nach denen eine komplexe Leistung zu bewerten sei.

Zydatiß plädiert für andere „Bewertungsprozeduren“. Die Kultusministerkonferenz müsse im Zuge ihrer qualitätssichernden Maßnahmen ein „Schulsprachen-Zertifikat" entwickeln, in dem das tatsächliche Kompetenzniveau eines Schülers dargestellt wird.

Noch besser wäre aus seiner Sicht eine „europäische Lösung“ für das Abitur und vergleichbare Abschlüsse, die zum Studium berechtigen. Zugrunde könnten die sechs Kompetenzniveaus des bereits 2001 geschaffenen „Europäischen Referenzrahmens“ liegen: vom Anfänger- bis zum Master-Level. Zydatiß hofft dabei auf die deutsche Präsidentschaft in der Europäischen Union im kommenden Jahr: Die große Heterogenität der Gruppen verlange einen verbesserten Unterricht. Die so erreichten höheren Kompetenzen müssten den Schülern dann aber auch zertifiziert werden.

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