Gesundheit : Wasser am Nordpol: Unser Gespür für Eis (Leitartikel)

Bernd Ulrich

Zwei amerikanische Forscher reisen zum Nordpol. Doch als sie ankommen, ist da gar kein Nordpol. Genauer gesagt: kein Eis, nur Wasser. Diese scheinbar groteske Nachricht trifft uns doppelt. Sie erinnert an die vielen Männer, die sich in den letzten hundert Jahren zum Nordpol aufmachten, die dabei erfroren sind, im Eis stecken blieben, im Schneesturm erstarrten. Das war brutal. Und romantisch. Und jetzt ist da Wasser. Es vollzieht sich in unserem Naturempfinden gerade eine Verdiesseitigung, eine Verniedlichung der Erde.

Und dann kommt angesichts dieses Nordpolwassers eine zweite Erinnerung hoch. War da nicht etwas mit einer Klimakatastrophe, mit schmelzenden Polkappen? Sollte da doch etwas dran sein? Und brennen in den USA nicht gerade die Wälder? Ist am Ende doch der Mensch an all dem schuld?

Viele Wissenschaftler bestreiten das. Sie geben zwar zu, dass sich die Erdatmosphäre erwärmt und dass die Menschen in enormen Mengen Klimagase in die Atmosphäre pusten, dass die Zahl plötzlicher Regenfälle (flash floods) in den USA zunimmt und dass die Polareis-Flächen kleiner und dünner werden. Nur bestreiten sie den Zusammenhang zwischen alledem, zwischen Erwärmung und Klimagasen, zwischen schmilzendem Eis und erhöhter Sturmhäufigkeit. Das ist ihr gutes Recht. Denn beweisen lässt sich all das noch immer nicht. So kompliziert ist doch die Natur, so dumm ist nach wie vor die Wissenschaft.

Allerdings muss man mittlerweile von einer erdrückenden Wahrscheinlichkeit sprechen. Wenn jemand viel raucht und Lungenkrebs bekommt, dann ist damit, streng genommen, nicht bewiesen, dass die Krankheit vom Rauchen kommt. Dennoch hören die meisten Menschen dann auf zu rauchen.

An den Streit zwischen den Klimaforschern über die Ursachen der Erwärmung hat man sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre so sehr gewöhnt, dass die Frage fast aus dem Blick geraten ist, warum das eigentlich so wichtig sein soll. Aber vielleicht ist es das gar nicht: Denn wenn die Klimaveränderung doch nicht an den Menschen liegt, woran liegt sie dann? An Sonnenprotuberanzen, an den regelmäßigen Zyklen zwischen Eiszeiten und Warmzeiten? Schön möglich. Nur gibt es im Streit zwischen den Klimatologen, ob nun der Mensch oder die Natur für die Erwärmung verantwortlich ist, noch eine dritte Möglichkeit: Sowohl als auch. Am wahrscheinlichsten ist doch, dass sich beide Tendenzen gegenseitig verstärken. Und da wir an den Sonnenprotuberanzen nichts ändern können, spricht einiges dafür, so weit wie möglich den Ausstoß an Kohlendioxyd zu verringern. Und sei es nur vorsichtshalber.

In den apokalyptisch gestimmten 80er Jahren hatte man eine ziemlich pittoreske Vorstellung von der Klimakatastrophe: Die Erdatmosphäre heizt sich auf, überall wird es wärmer, die Polkappen schmelzen ab, der Meeresspiegel steigt. Der "Spiegel" titelte mit einem unter Wasser stehenden Kölner Dom. Das waren noch Zeiten. Da konnte man noch den Katastrophenschauder genießen und dabei heimlich denken: Dann bauen wir eben höhere Deiche, na und?

Heute wissen wir: So einfach ist das nicht. Die Erwärmung kann in Europa auch zu einer neuen Eiszeit führen, falls die Wärmepumpe Golfstrom die Arbeit einstellt. Ohnehin wird es voraussichtlich nicht überall einfach wärmer. Vielmehr gerät das Wetter - das ja viel weniger wechselhaft ist, als man gemeinhin vermutet - aus den Fugen. Wie genau, das wissen die Wissenschaftler nicht.

Aus all diesen Gründen ist es sehr schwer, Maßnahmen gegen die Folgen der Klimaveränderung zu ergreifen. Es bleibt nicht viel anderes übrig, als den Versuch zu unternehmen, die menschengemachte Erwärmung in Laufe der nächsten Jahrzehnte wenigstens zu bremsen. Auf jeden Fall sollten wir die natürliche Erwärmung nicht noch durch Klimagase zu verschärfen.

Wenn wir erst dann etwas tun, wenn wir den Treibhauseffekt hieb- und stichfest beweisen können, dann können wir eben nicht mehr viel tun. Weil das so ist, haben sich erstaunlich viele Staaten in erstaunlich kurzer Zeit dazu entschlossen, ihre Klimagase zu verringern. Auch Deutschland. Man sollte das weitermachen und sich nicht von jeder Erhöhung des Benzinpreises ins Bockshorn jagen lassen. Wegen des Wassers am Nordpol, zum Beispiel.

Auch das Umweltbewusstsein ist Moden unterworfen. In den 80er Jahren wurde es übertrieben mit den Katastrophendrohungen und Verhaltensmaßregelungen. Zurzeit bildet sich alle Welt ein, das Leben sei im Wesentlichen virtuell und die Natur, ja die Materie überhaupt, sei von gestern. Doch die Natur ist diesen Moden gegenüber völlig gleichgültig. Sie reagiert auf das, was die Menschen tun, nicht auf das, was sie sich einbilden. Darum sollen wir genau hinschauen und entsprechend handeln. Es gehört Eis an den Nordpol, dickes Eis.

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