Gesundheit : Wasser in den Wein gegosssen

UWE SCHLICHT

Zwei Präsidenten saßen am Vorabend des Bildungkongresses an einem Tisch in der Godesberger Redoute: Der eine steht an der Spitze der Bundesrepublik, der andere spricht für die Kultusminister der Länder (KMK).Roman Herzog erhob sich und pries den neuen Geist in der Bildungspolitik: In der Bildung hätten sich seit einigen Jahren Dinge bewegt, an "die ich selbst nicht mehr geglaubt habe.Selbst die KMK scheint einen Aufbruch zu erwägen", fügte Herzog hinzu.Dies habe er der Presse entnommen.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hans Joachim Meyer, nahm es mit versteinerter Miene zur Kenntnis.Schließlich hätte sich Herzog bei ihm als Tischnachbarn und Parteifreund direkt über den Reformgeist in der KMK erkundigen können, ohne den Umweg über die Zeitungen zu nehmen.Am nächsten Tag antwortete Meyer dem Bundespräsidenten vom Rednerpult aus: "Das billige Vergnügen, Witze über die KMK zu machen", gehöre "zu den wohl häufigsten Fällen intellektueller Selbstbefriedigung in Deutschland." Unter Anspielung auf die "Ruck"-Rede des Bundespräsidenten fügte Meyer mit Lust an der Polemik hinzu, es bedürfe zweifellos eines entschlossenen Rucks, um etwas in Bewegung zu setzen, aber um Wirkung zu erzielen, benötige man auch der genauen Kenntnis dessen, wo man sich bewegt.Man sollte nicht blind darauf vertrauen, "wenn man nur laut und kräftig über verkrustete Strukturen schimpft, eine euphorische Stimmung inszeniert und reichlich mit meist völlig überflüssigen Anglizismen um sich wirft", daß damit schon die Bildungsreform vorankäme.Das war eine deutliche Anspielung: Viele Politiker, darunter der Bundespräsident und die Bildungsreformer in der Bertelsmann Stiftung, hantieren mit Begriffen wie Bachelor, Master, credit points und benchmarking.

Dem Wunsch, laßt tausend Blumen blühen, setzte Hans Joachim Meyer den kalten Wind der Realität entgegen: Wer in der Bildung eine gesellschaftlich relevante Wirkung erzielen wolle, "muß sich vor allem mit dem institutionalisierten Bildungssystem befassen".Das ist die Kultusministerkonferenz.Die Suche nach dem kleinsten gemeisamen Nenner hat jedoch die Kultusministerkonferenz in den letzten Jahren in Verruf gebracht.Denn die Resultate erschienen häufig wie verwässerte Kompromisse.Die Kultusministerkonferenz verhindere Reformen - so lautet die gängige Kritik.So ist es kein Wunder, daß Bundespräsident Herzog schon in seiner ersten Bildungsrede vom November 1997 das Einstimmigkeitsprinzip in der KMK als Reformhindernis in Frage gestellt hatte.Meyer sieht das anders.Für ihn sind die Länder der Motor der Reformen, nicht die Kultusministerkonferenz.Die KMK sei ein Gremium, das im Interesse von vergleichbaren Standards und der Mobilität in Deutschland Vereinbarungen finden muß.

Je nach dem Ausschlagen des Pendels in der aktuellen Debatte ist ein Preis zu zahlen.Auf dem Bonner Bildungskongreß und einen Tag später bei der Einweihung des Berliner Büros der KMK betonte Meyer: Soll aus der Vielfalt der Reformen keine Kleinteiligkeit und Chaos werden, dann bedarf es verbindlicher Gemeinsamkeiten.Vielfalt zu ermöglichen, das ist die eine Seite im Föderalismus.Auf der anderen Seite stehe die Mobilität.Die Kultusminister hätten zu prüfen: Was geschieht, wenn die Eltern von einem in das andere Land umziehen und ihre Kinder auf Schulen kommen, die nach anderen Konzepten Unterricht erteilen? "Entweder wird ein hohes Maß von Übereinstimmung und Vergleichbarkeit vereinbart.Dann geht das nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der jedoch zugleich die Entscheidungsräume der einzelnen Elemente des Systems einengt.Oder man beschränkt sich auf ein Mindestmaß an Übereinstimmung und Vergleichbarkeit.Dann geht das nur auf Kosten jener, die in diesem System mobil sein wollen, das heißt konkret der Studenten und der Schüler beziehungsweise ihrer Eltern." So sieht es der KMK-Präsident.

Nun ist die Kultusministerkonferenz nach den Erfahrungen der letzten Jahre bereit, sich der Vielfalt stärker zu öffnen als bisher.Sie bejaht den Wettbewerb der Länder um die besten Schulen und Hochschulen.Die internationalen Tests über die durchschnittlichen Leistungen deutscher Schüler in Mathematik und den Naturwissenschaften (TIMSS) haben alle aufgerüttelt."Seitdem ist der Leistungsvergleich zwischen den Ländern in der KMK nicht mehr tabu.Das ist ein grundsätzlicher Wandel", betont Präsident Meyer.

Die Kultusminister haben sich im März dieses Jahres auf die Tolerierung von Experimenten verständigt.Die Probe aufs Exempel steht unmittelbar bevor: Noch im Frühsommer werden die Kultusminister zu entscheiden haben, welchen Spielraum sie im Dauerkonflikt um das Abitur und die Gestaltung der gymnasialen Oberstufe zulassen.Einzelne Länder wie Bayern und Baden-Württemberg fordern fünf Prüfungsfächer im Abitur.Die Kultusminister hatten sich bei ihren Beschlüssen von Mainz und Dresden auf vier festgelegt und ein fünftes den Schülern freigestellt.Präsident Meyer: "Ich hoffe, daß wir zu einem politischen Konsens in der KMK kommen, der bedeutet, daß die Länder, die fünf Fächer künftig im Abitur prüfen wollen, es hinnehmen, daß andere Länder bei vier Fächern bleiben wollen."

Schwieriger kann es schon bei der Erprobung neuer Wege in der gymnasialen Oberstufe werden.Das von der SPD regierte Niedersachsen möchte die Position der Naturwissenschaften in der Oberstufe so stärken, daß die Fächer Chemie, Physik und Biologie zu einem Profilbereich verbunden werden und damit naturwissenschaftliche Inhalte durchgängig von der elften bis zur 13.Klassenstufe im Unterrichtsplan stehen.Dieser Vorrang für eine verbindliche Allgemeinbildung galt bisher nur für Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache.

Außerdem soll es nach Vorstellung der sozialdemokratischen Kultusministerin von Niedersachsen, Renate Jürgens-Pieper, nur noch für die Profilfächer Leistungskurse geben.Diese Idee ist nicht allzuweit von den Vorschlägen der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan (CDU) entfernt.Baden-Württemberg möchte die Unterscheidung in Grund- und Leistungskurse aufheben und damit aus pädagogischen Prinzipien zur Stärkung der Kernfächer in den Klassenverband zurückkehren.Was wird aber mit jenen Schülern geschehen, die während der Oberstufe von Baden-Württemberg in ein anderes Bundesland umziehen und dort nach wie vor Grund- und Leistungskurse vorfinden? Werden sie die Leistungskurse nachholen müssen?

Meyer sieht eine große Chancen, daß sich die Kultusminister auch in der Oberstufenreform auf Bandbreiten verständigen können - und sei es nur in Form von Protokollerklärungen.Aber dabei müßten die Minister berücksichtigen, "daß die Kosten dieser Bandbreiten nicht auf Schüler und Eltern abgewälzt werden".

Hans Joachim Meyer beendete seine Rede auf dem Bonner Bildungskongreß mit einer Metapher: "Ich will gewiß nicht den unbedingten Willen zur Bildungsreform schmälern.Denn diesen Willen teile ich, weil die Reform notwendig ist.Aber ich wollte doch ein wenig Wasser in den Wein der Reformeuphorie gießen.Die im Weintrinken erfahrenen Romanen trinken den Wein ohnehin mit Wasser.Er bekommt dann nämlich besser."

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