Gesundheit : Wege aus dem Schmerz

Am Martin-Luther-Krankenhaus lassen sich Endometriose-Patientinnen aus ganz Deutschland operieren Inga Haubrichs ist eine von ihnen. Sie hat es zusätzlich mit Alternativmedizin versucht – und wurde endlich schwanger

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Nach neun Jahren hielt es Inga Haubrichs nicht mehr aus. Während der Periode hatte sie manchmal so schlimme Schmerzen, dass sie sie nur ertragen konnte, wenn sie im Krankenhaus am Tropf hing. Dazu kamen Rückenschmerzen, auch Geschlechtsverkehr war teilweise sehr schmerzhaft. Jahrelang lief sie vergebens von Arzt zu Arzt. „Psychosomatische Probleme“ stand in ihrer Akte. Im Frühjahr 2008 wurde die Situation für die heute 27-Jährige unerträglich. Sie drängte ihren Frauenarzt zu einer Bauchspiegelung. Die dauerte statt 40 Minuten über vier Stunden. Am Ende stand fest: Die junge Frau leidet an Endometriose.

Dabei handelt es sich um Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, aber außerhalb der Gebärmutter vorkommt. Es nistet sich im Bauchraum ein, etwa im Bauchfell, den Eierstöcken und Eileitern, und bildet dort gutartige Wucherungen, die zyklusabhängig wachsen. Auch im Oberbauch und sogar der Lunge kann es sich einnisten. „Das ist aber extrem selten. 90 Prozent aller Herde treten im Beckenraum auf“, sagt Uwe Ulrich, Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe und Chefarzt der Frauenklinik des Martin-Luther-Krankenhauses.

Schätzungsweise zwei Millionen Frauen in Deutschland sind an Endometriose erkrankt, jedes Jahr kommen rund 40 000 dazu. Die Symptome sind starke Schmerzen während der Menstruation, Rückenschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und ungewollte Kinderlosigkeit. Von den 300 Patientinnen, die Uwe Ulrich im Jahr operiert, erleiden ein bis zwei Drittel einen Rückfall. Oft beginnt die Erkrankung in der Pubertät und endet erst mit den Wechseljahren.

Die Ursachen sind noch unklar. „Die Endometriose ist eine für Ärzte und betroffene Patientinnen gleichermaßen verwirrende Erkrankung“, heißt es in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Es gibt verschiedene Theorien“, sagt Ulrich. Der Verschleppungstheorie zufolge gelangen die Zellen während der Menstruation aus der Gebärmutter in den Bauchraum – durch Menstrualblut, das durch die Eileiter rückwärts dorthin fließt. Die Metaplasietheorie besagt, dass die Endometriose an jeder Stelle des Bauchraumes aus bestimmten Zellen entstehen kann.

Im Durchschnitt dauert es sechs Jahre, bis die Diagnose gestellt wird – für die Frauen eine enorme seelische Belastung. Was das Verständnis zusätzlich erschwert: Zwischen Ausmaß der Erkrankung und Grad der Beschwerden besteht keine direkte Beziehung. Eine Frau mit vielen und großen Endometrioseherden hat vielleicht keine Beschwerden, während eine andere mit nur wenigen Herden unter heftigsten Schmerzen leidet. „Wann ist es eine Krankheit und wann ein Befund? Die Beantwortung dieser Frage ist schwierig“, sagt Ulrich. „Man darf nicht jede Frau mit Bauchschmerzen zur chronischen Endometriosepatientin machen.“ Drei Kriterien, sagt er, seien entscheidend bei der Frage, ob eine Frau eine Behandlung braucht: ob sie Schmerzen hat, ob befallene Organe bereits in ihrer Funktion eingeschränkt sind und ob unerfüllter Kinderwunsch besteht.

Auch Inga Haubrichs versuchte mehr als drei Jahre vergebens, schwanger zu werden. Selbst nach zwei Operationen klappte es nicht. Die Anschlussbehandlung mit hormonunterdrückenden Medikamenten vertrug sie so schlecht, dass sie sie wieder abbrechen musste. Besser ging es ihr erst, nachdem sie sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen hatte und sich zusätzlich von einem auf Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) spezialisierten Arzt behandeln ließ: Mit Akupunktur und Kräutertherapie. Sie stellte ihre Ernährung um und fing an, Yoga zu machen. Obwohl sie der Alternativmedizin zunächst skeptisch gegenüberstand, wurde sie durch die drastische Schmerzreduktion und ihre Schwangerschaft, die nach wenigen Monaten eintrat, überzeugt. Wie ihr helfen alternative Methoden vielen Patientinnen – und auch viele Schulmediziner sind solchen Methoden gegenüber aufgeschlossen, obwohl die Wirksamkeit bisher nicht belegt ist. „Bei einer Erkrankung, deren Ursache man nicht kennt, ist jede Behandlung, die den Frauen hilft, willkommen“, sagt Ulrich.

Die Schwangerschaft und die Geburt verliefen für Inga Haubrichs ohne Probleme. Ihr Sohn Fynn ist heute 19 Monate alt. Aber der Frieden währte nur kurz: Schon vier Wochen nach der Entbindung bekam sie wieder ihre Periode, obwohl sie stillte und die meisten Frauen dabei keine Menstruation haben. Mit der Regelblutung fingen die Schmerzen wieder an. Vor einem halben Jahr wurden die Beschwerden immer schlimmer. Chronisch müde habe sie sich gefühlt, erzählt Inga Haubrichs. Und dann kamen auch noch Beschwerden beim Stuhlgang dazu. Anfang des Jahres flog sie mit Mann und Kind von ihrem Wohnort Mönchengladbach nach Berlin, in die Sprechstunde von Uwe Ulrich. Das Endometriosezentrum des Martin-Luther-Krankenhauses ist unter anderem auf die Operation der Darmendometriose spezialisiert. Wie Inga Haubrichs nehmen viele Patientinnen hunderte Kilometer Anreise in Kauf, um sich in einer spezialisierten Klinik operieren zu lassen. Rund die Hälfte der Frauen mit schwerer Endometriose, die Uwe Ulrich am Martin-Luther-Krankenhaus behandelt, kommt nicht aus Berlin.

Die Operation ist die Standardtherapie der Endometriose. Die Krankheit sei jedoch oft schwierig zu operieren, sagt Ulrich – weil die Herde in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Organen liegen und die Gebärmutter und Eierstöcke der zumeist jungen Patientinnen nicht verletzt werden dürfen. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die medikamentöse Therapie mit Wirkstoffen, die den Östrogenhaushalt beeinflussen. Dafür kommen etwa Hemmer der Östrogenbildung, Gelbkörperhormone und spezielle Anti-Baby-Pillen in Frage.

Uwe Ulrich hat Inga Haubrichs zu einer erneuten Operation geraten. Ihr Verdacht hat sich bestätigt: Die Endometriose hat inzwischen offenbar auch ihren Darm befallen. Vielleicht wird sie sich schon im Winter in Berlin operieren lassen – wenn es bis dahin nicht klappt mit ihrem großen Wunsch: wieder schwanger zu werden. Ein paar Monate will sie noch warten und die Operation aufschieben. Nachdem die TCM schon einmal so unterstützend geholfen hat, beginnt sie nun erneut eine Kräuterbehandlung und eine Akupunktur. Neben der Schmerzbehandlung sollen damit auch die Chancen auf eine Schwangerschaft verbessert werden. „Eine Schwangerschaft ist für eine Endometriose-Patientin das Beste, was ihr passieren kann“, sagt sie.

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