Gesundheit : Wege und Irrwege der Forscher bei der Suche nach einem lebenden Fossil

Matthias Glaubrecht

Im Dezember 1938 wurde der totgeglaubte Quastenflosser Latimeria chalumnae zur Sensation. Damals zogen Fischer vor der afrikanischen Küste das erste Exemplar des urigen Fisches aus der Tiefe ans Licht. Kurz nach Neujahr 1939 erreichte eine erste Skizze des Tieres den südafrikanischen Fischkundler James Leonard Brierley Smith, der den seltsamen Fisch mit den quastigen Flossen identifizieren sollte. Was Smith zunächst schlaflose Nächte bereitete, sollte ihn dann für den Rest seines Lebens nicht mehr loslassen. Er erinnerte sich, ähnliche Tiere bereits in paläontologischen Darstellungen gesehen zu haben; allerdings waren die darin illustrierten Coelacanthier oder Hohlstachler hundert Millionen Jahre älter und längst ausgestorben. Als Smith schließlich die Erkenntnis dämmerte, dass da unvermittelt ein "lebendes Fossil" vor der Küste Südafrikas aufgetaucht war, ein "Urfisch", den die Zeit offenbar vergessen hatte, war dieser bereits ausgestopft, die wertvollen inneren Organe waren entsorgt.

Einst zusammen mit den Dinosauriern und vielen anderen Organismen am Ende des Erdmittelalters dahingerafft, kannte man die Hohlstachler bis dahin nur aus Versteinerungen. Smith taufte das Tier nach der Entdeckerin, einer jungen Wissenschaftlerin namens Marjorie Courtenay-Latimer, die ihm die Skizze zur Bestimmung des Fisches zugeschickt hatte, und nach dem südafrikanischen Fluss, vor dessen Mündung das Tier gefangen wurde. 14 Jahre lang suchte er vergeblich nach weiteren lebenden Latimeria, bis einem Fischer 1952 vor der nördlich gelegenen Inselgruppe der Komoren ein Quastenflosser an den Haken ging.

1987 machte der deutsche Verhaltensforscher Hans Fricke in seinem Tauchboot "Jago" an den unterseeischen Vulkanhängen vor den Komoren erstmals spektakuläre Filmaufnahmen lebender Quastenflosser in ihrem natürlichen Lebensraum. Langsam paddelte Latimeria durch die Tiefen des westlichen Indischen Ozeans. Dabei bediente sich der altertümliche Fisch einer Art Kreuzgang, der auffällig an die Bewegungskoordination vierbeiniger Wirbeltiere an Land erinnerte und in der er sich von sämtlichen anderen Fischen unterscheidet.

Zuletzt sorgten diese urtümlich anmutenden Fische im Herbst 1998 für weltweites Aufsehen, präsentiert von CNN bis zur Schlagzeile in der "New York Times". Dem Fischer Om Lameh Sonathan und seiner Crew war im Norden der indonesischen Insel Sulawesi ein knapp 1,20 Meter langer und 30 Kilogramm schwerer Quastenflosser ins Tiefseenetz gegangen. Den Fischern Sulawesis ist der Urfisch Latimeria offenbar kein Unbekannter, denn sie haben einen Namen für ihn: Raja laut, der König des Meeres. Umso erstaunlicher ist, dass die indonesische Latimeria so lange im Verborgenen blieb. Immerhin lieferte der Fang in Indonesien erstmals den Nachweis, dass Quastenflosser auch rund zehntausend Kilometer östlich des bislang einzig bekannten Vorkommens vor den Komoren leben.

Diese und weitere Stationen der Erforschung des von der Zeit vergessenen Urfisches erzählt die britische Journalistin Samantha Weinberg in ihrem eigenwilligen Buch "Der Quastenflosser. Die abenteuerliche Geschichte der Entdeckung eines seit siebzig Millionen Jahren vermeintlich ausgestorbenen Tieres" (Argon Verlag, Berlin 1999, 271 Seiten, 38 Mark). Fachbücher und -Berichte zum Quastenflosser gibt es genug, und auch die Entdeckungsgeschichte der Latimeria ist häufig erzählt worden, am besten von J. L. B. Smith selbst in seinem 1957 auch auf deutsch erschienenen Buch "Vergangenheit steigt aus dem Meer".

Doch Samantha Weinberg schreibt mit intimer Kenntnis der handelnden Personen. Ihr geht es allein um die menschliche Seite der Wissenschaft vom Urfisch, um das persönliche Schicksal, die Motive und Ideale jener Forscher wie Marjorie Courtenay-Latimer oder Mark Erdmann und seiner indonesischen Frau, die unlängst den indonesischen Quastenflosser aufspürten. Um die meisten der Quastenflosser-Funde aus den letzten Jahrzehnten ranken sich Geschichten und Anekdoten, denen Weinberg akribisch nachgegangen ist. Und auch dem bislang jüngsten Fund in Indonesien ging eine spannende Entdeckungsgeschichte voran, die uns die nüchternen Forscherreports meist schuldig bleiben

Auf dem Fischmarkt der Hafenstadt Manado am Nordzipfel von Sulawesi fiel Mark Erdmann, der damals als Biologe an Meereskrebsen arbeitete, und seiner Frau ein großer fremdartiger Fisch auf. Ein Fischer zog ihn auf einem Holzkarren vorbei. Den Erdmanns gelang es noch, einige Fotos von dem Fisch zu machen, bevor er verkauft wurde. Die Auskünfte des befragten Fischers, woher der Fang stammt, erwiesen sich indes als wenig hilfreich. Mark Erdmann aber ließ seine Entdeckung keine Ruhe. Unterstützt von der National Geographic Society fahndete er beinahe ein Jahr bei den Fischern der umliegenden indonesischen Dörfer nach der mysteriösen Latimeria, bis er sich endlich vom Fang jenes lebenden Tieres vor Sulawesi überzeugen konnte.

Die bislang letzte Facette in der Erforschungsgeschichte des Urfisches steuern derzeit Molekularbiologen bei. Sie streiten darum, wer als erster stichhaltige Ergebnisse zur genetischen Verwandtschaft der indonesischen und der afrikanischen Quastenflosser veröffentlicht.

Samantha Weinberg zeichnet mit leichter Hand das bewegte Leben jener Forscher nach, die sich der Suche nach einem der vielen bunten Mosaiksteinchen naturkundlicher Fakten verschrieben haben. So ist denn ihr Buch keines allein über den Quastenflosser, sondern über uns selbst auf der ständigen Suche nach Neuen, nach Erfolg und Anerkennung. Die Wissenschaft aber bleibt leider auf der Strecke. Weder ist für die Autorin der Umstand besonders erwähnenswert, dass Latimeria chalumnae keineswegs am nähesten mit den einst im Meer lebenden Vertretern der Quastenflosser verwandt ist, sondern vom einst im Süßwasser lebenden Seitenast der Sippe stammt und in die Tiefen des Meeres zurückgewandert ist. Noch kümmern Samantha Weinberg die vielen neuen Befunde der letzten Jahre, die die Quastenflosser aus der direkten Ahnenlinie aller an Land lebenden Wirbeltiere herausnehmen. Das "lebende Fossil" Latimeria ist weder Urfisch noch Vorfahre der Vertebraten inklusive des Menschen, wie Weinberg glauben machen will.

Ohne das rechte Verständnis für die Wissenschaft im Hintergrund bleiben aber auch die Wissenschaftler selbst nurmehr komische Käuze, die eigenbrötlerisch quastigen Fischen nachhetzen. Das bedient zwar ein gängiges Klischee, stimmt aber nicht. Das Buch macht dem Leser kaum klar, warum die vermeintlichen Urfischfunde so wichtig für unser Verständnis der Evolutionsgeschichte sind. Indes: Unterhaltsam sind Weinbergs Geschichten allemal.

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