Gesundheit : Weißes Blut

Mit harten Bandagen: Wie die Medizin Störungen des Lymphsystems behandelt

Adelheid Müller-Lissner

Sie sei das „Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Körperbetrieb“, befand Thomas Mann in seinem medizinkundigen Roman „Der Zauberberg“. Nein, der Schriftsteller meinte nicht die feinsten Verästelungen der Blutgefäße in der menschlichen Haut, die zuständig sind für sanftes Erröten. Er sprach von einem Saft, der gemeinhin als so besonders gar nicht gilt. Von einem Saft zudem, von dem die wenigsten mehr als den Namen kennen: die Lymphe.

Lymphe ist eine hellgelbe Flüssigkeit, die Eiweiße und weiße Blutkörperchen enthält. Sie wird aus den Zellzwischenräumen aufgenommen und, zusammen mit Zelltrümmern und anderen Fremdkörpern, durch ein System von Gefäßen geschleust, bis sie im Bereich des oberen Brustkorbs aus zwei großen Lymphgefäßen in Venen und damit wieder in den Blutkreislauf mündet. Zwei Liter davon fließen täglich durch ein eigenes Gefäßsystem, weit undramatischer und auch langsamer als das Blut, mit dessen roter Farbe jedes Kind beim ersten Knie-Aufschürfen Bekanntschaft schließt. Die „zarte“, blasse Lymphe gibt sich nicht so leicht zu erkennen. „Weißes Blut“ nannte sie Hippokrates. Wenn sie fließt, macht sie keine Probleme. Entfernte Bekanntschaft mit dem Lymphsystem schließen die meisten Menschen allenfalls, wenn bei Infekten vorübergehend die Lymphknoten anschwellen, etwa beim Pfeifferschen Drüsenfieber.

Wenn sich Lymphe im Gewebe sammelt, kann sich das schnell ändern, und oft auf lange Sicht. Die Berlinerin Brigitte R. hat mit dem hartnäckigen Stau in den Beinen zu kämpfen, seit sie sich bei einem Verkehrsunfall vor 20 Jahren schwer heilende Beinwunden zuzog. Dabei müssen die Lymphbahnen verklebt und vernarbt sein. Der Abfluss aus den Beinen blieb dauerhaft gestört, sie sind angeschwollen, das Gewebe fühlt sich teigig an und ist teilweise verhärtet.

Erleichterung bringt Frau R. aber seit einigen Jahren die Lymphdrainage. Dabei wird von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten und Masseuren die gestaute Lymphe durch flächige Handbewegungen in Richtung des Lymphflusses ausgestrichen. Zweites Therapieprinzip: Druck, der durch Bandagen und Kompressionsstrümpfe ausgeübt wird. Mit Medikamenten, etwa Mitteln zur Entwässerung, oder Operationen kann man dagegen nichts ausrichten. Schnelle Erfolge sind also nicht zu erwarten.

Medizinisch ist die Lymphologie denn auch ein eher entlegenes Spezialgebiet, in der Ausbildung spielt sie so gut wie keine Rolle. Die älteste lymphologische Spezialklinik wurde in Deutschland zu Beginn den 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in St. Blasien im Schwarzwald gegründet. Der Arzt Johannes Asdonk entwickelte dort ein Konzept der Entstauung, die „Physikalische Ödemtherapie“. Ebenfalls im Schwarzwald wird seit Jahren in der Földiklinik ein ähnliches Konzept unter anderem Namen praktiziert.

Die Therapie gilt als undankbar, denn wirkliche Heilung kann bei einem Lymphödem praktisch nie erreicht werden. „Wir können den Betroffenen nicht viel anbieten“, sagt Jan André Schmidt-Lucke, Gefäßspezialist am Berliner Franziskus-Krankenhaus. Doch er fügt hinzu: „Das Wenige sollte man engagiert tun.“

So brauchen viele Patienten, die dauerhaft unter Lymphödemen leiden, alle sechs Monate eine Entstauungsphase mit erneuten Lymphdrainage-Sitzungen. Die Anpassung der Kompressionsstrümpfe, die nicht nur die Beine, sondern oft auch einen Arm oder den Bauchraum umhüllen, ist aufwändiger als bei Venenleiden. Sie regelmäßig anzuziehen ist nicht nur lästig, sondern macht vielen Älteren auch Schwierigkeiten.

Am häufigsten haben Krebspatienten unter dem Lymphstau zu leiden. Auf ihrem Weg durch die Lymphgefäße passiert die Lymphflüssigkeit mehrere Filterstationen, die Lymphknoten, die wie biologische Filter wirken. Sie fangen etwa Krebszellen ab, die sich von einem Tumor in der Nähe des Lymphknotens gelöst haben und an einem anderen Ort Tochtergeschwulste bilden könnten. Gemeinerweise sind diese Filteranlagen selbst aber auch privilegierter Ort für solche Absiedelungen bösartiger Zellen.

Nachdem einer Frau zugleich mit der Entfernung eines Knotens aus der Brust auch befallene Lymphknoten aus der Achsel entnommen wurden, kann der betroffene Arm stark anschwellen, weil es durch Vernarbungen einen Rückstau gibt. Bei Prostata-Krebs, aber auch bei Schwarzem Hautkrebs (Melanom) können Lymphknoten in der Leistengegend befallen sein. Dann kommt es öfter zu Lymphödemen im Bein.

Nur ganz selten sind Lymph-Probleme dagegen angeboren. In seltenen Fällen entstehen Lymphödeme, weil zu wenig Lymphgefäße angelegt sind. Dann können Schwellungen, besonders in den Beinen, die Folge sein. „Die wenigsten Ödeme sind jedoch wirklich Lymphödeme“, sagt der Gefäßspezialist Schmidt-Lucke. Weit häufiger sind Wassereinlagerungen aus anderer Ursache, etwa wegen einer Herzschwäche.

Lymphödeme kommen auch nach Infektionen durch Tropen-Parasiten vor, die zu einer Vernarbung und Entzündung der von Fadenwürmern befallenen Lymphgefäße führt. Wenn das betroffene Körperteil stark anschwillt, sprechen Ärzte von „Elephantiasis“. Doch solche infektionsbedingten Lymphödeme sind hierzulande Exoten. Schmidt-Lucke arbeitet zwar in der größten gefäßmedizinischen Klinik Berlins, „aber einen solchen Fall habe ich noch nicht erlebt“.

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