Gesundheit : Weiterbildung statt Urlaub

Von George Turner, Wissenschaftssenator a. D.

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Wieder einmal gibt ein Bericht der OECD den Deutschen schlechte Noten: Es fehlen angeblich in Deutschland Akademiker. Mehr junge Menschen müssten auf die Hochschulen und es würden mehr Absolventen gebraucht. Die daraus resultierende Forderung nach mehr Geld mag ja – aus anderen Gründen – zu Recht erhoben werden. Die Aussagen im OECD-Bericht und ihres Bildungsanalytikers Andreas Schleicher aber sind einseitig und allein zahlengläubig.

Was heißt es denn, wenn in Island, Australien, Polen, Italien oder auch den USA der Anteil der „Hochschulabsolventen“ deutlich über dem in Deutschland liegt? Deutsche Professoren würden sich dagegen verwahren, wenn ihre Universitäten oder Fachhochschulen mit manchem, was sich University oder College nennt, in einen Topf geworfen würden. Was heißt es, der Anteil von Hochschulabsolventen steige zu langsam, um den Fachkräftemangel aufzufangen? Glauben die Autoren allen Ernstes, allein ein Werben um mehr Studierende und ein größerer Ausstoß löse das Problem, wenn gleichzeitig über die mangelnde Studierfähigkeit geklagt wird? Anstatt das duale System zu unterstützen, wird es heruntergeredet. Schleicher behauptet, es sei ein Angebot für einen schrumpfenden Bereich. Dafür fehlt es an Beweisen.

Richtig ist, dass die Beteiligung an Weiterbildungsveranstaltungen zu niedrig ist. Aber auch hier vermisst man jeden Zusammenhang. Der Umfang der Urlaubsansprüche der Mitarbeiter macht es für Unternehmen fast unmöglich, an sich nötige und wünschenswerte Weiterbildungsprogramme zu beschicken. In Ländern mit einem geringeren Urlaubsanspruch ist die Beteiligung an den Kursen weitaus höher. Dort ist eine zusätzliche Abwesenheit eher zu verkraften. Die Idee, dass Weiterbildung auch im Interesse des Einzelnen ist und dafür womöglich auch einmal ein paar Urlaubstage geopfert werden könnten, wird auf wenig Zustimmung stoßen. Eher ist zu erwarten, dass die Reaktion ähnlich ausfällt wie auf den Vorschlag von Finanzminister Steinbrück, dass man beim Sparen auch einmal an den Verzicht auf eine Urlaubsreise denken könnte.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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