Gesundheit : Weiterbildungsprogramme: Erst bei Absolventen werben, dann um Spenden bitten

Hermann Horstkotte

Die englische Eliteuniversität Oxford und die amerikanischen Spitzenhochschulen Princeton, Stanford und Yale entwickeln jetzt gemeinsam kostspielige Weiterbildungsprogramme für ihre ehemaligen Studenten, die "Alumni". 50 Millionen Dollar beträgt das Startkapital. Denn wer später Gebühren für die Weiterbildung ernten will, muss erst einmal säen.

Vor diesem Hintergrund erörterten jetzt deutsche Hochschulmanager auf einer Tagung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Bonn, wie man auch hierzulande "Absolventenmarketing" besser organisieren kann. Immerhin werden auf dem Weiterbildungsmarkt für Akademiker jährlich zweistellige Milliardensummen umgesetzt, meist noch bei privaten Anbietern. Dieses Geschäft ist auch für die Hochschulen verlockend. Denn nach einem Beschluss der Kultusminister sind Studiengebühren für die Weiterbildung erlaubt.

Studenten selbst auswählen

Wer Alumni - lateinisch: "Zöglinge", nicht "Ehemalige" - an die Hochschule möglichst lebenslang binden will, muss beim Wohlfühlen und der fachlichen Betreuung der Studierenden ansetzen. Tatsächlich kommen sich viele Studenten in der deutschen Massenuniversität vernachlässigt vor. Für Detlef Müller-Böling vom CHE beginnen das Selbstwertgefühl und der Lernerfolg der Studierenden mit ihrer Auswahl durch die Hochschulen selbst. Der Staat müsse den Ausbildern das Recht auf die Studierendenauswahl uneingeschränkt einräumen und mithin die zentrale Studienplatzvergabe abschaffen. Ob sich das Studium "ausgezahlt" hat, entscheidet sich nach Müller-Böling nicht zuletzt beim Übergang in den Beruf. Die Universitäten und Fachhochschulen sollten ihre Absolventen also bei der Stellensuche unterstützen - ein Beispiel sind die "Career Center", die in Berlin die FU, TU und die Humboldt-Universität gebildet haben.

Wer die Ehemaligen gewinnen will, warnt Ingrid Gomboz von der Universität Graz, kann nicht mit dem Betteln um Geld beginnen. Sie ist Absolventin einer New Yorker Universität und wird seit zehn Jahren von der dortigen Alumni-Vereinigung mit Informationen auf dem Laufenden gehalten - bislang noch ohne jede Bitte um eine Spende oder einen Mitgliedsbeitrag. Gomboz: "Man muss erst Freunde machen, später kann man die Freunde auch um Geld für die Fonds bitten ." Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen den selbst in den USA noch keine dreißig Jahre alten Alumni-Zusammenschlüssen und den traditionellen Vereinen von "Freunden und Förderern" der Hochschulen: Die Alumni-Vereine sind hauptsächlich Geldsammelstellen, während die "Zöglinge" Freundeskreise bilden, die auch ohne direkte Einnahmen ihrer Alma Mater vielfach nützlich sein können, zum Beispiel über persönliche Verbindungen oder Vorzeige-Absolventen als Imageträger.

Aus ihrer Erfahrung in Graz empfiehlt Gomboz für das Absolventenmarketing drei Herangehensweisen. Die goldenen Ehemaligen mit Abschlüssen vor 40 oder 50 Jahren lassen sich - im Stil von Klassentreffen - emotional leicht gewinnen, oftmals auch für eine Berücksichtigung ihrer Uni im Testament. Von "jungen" Absolventen, die noch erste Schritte in der Berufswelt machen, kann die Hochschule überhaupt nichts erwarten, sondern sich höchstens durch guten Service mit Informationen und Weiterbildungsangeboten in Erinnerung halten. Am schwierigsten, aber verheißungsvollsten erscheinen die "etablierten Absolventen" in der Altersgruppe zwischen 45 und 65. Das sind für Gomboz die entscheidenden "Netzwerker" mit vielerlei Beziehungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Gerade diese "Etablierten" sind aber in zahlreiche Clubs und wohltätige Einrichtungen eingebunden, neben denen die Hochschule um Aufmerksamkeit werben muss. Das aber gelingt eher, wenn sie die Zuwendung an ihre Schüler vom ersten Studiensemester an kontinuierlich pflegt.

Mehr Stellen für Fund-Raising

Das aber kann schwerlich eine gemeinhin dünnbesetzte Dienststelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit schaffen. Wenn schon professionelles Alumni-Marketing, so Gomboz, dann braucht man dafür nach dem Vorbild amerikanischer (oder auch niederländischer) Universitäten vier oder fünf Dutzend geschulter Mitarbeiter und ein Anfangskapital, das unsere Hochschulen offenbar nicht übrig haben. Das ist die deutsche Malaise. Einen Ausweg aus der Krise sehen viele Hochschulmanager darin, die "Alumniarbeit" zur Chefsache der Rektoren oder Präsidenten zu machen. Gegen diese Vorstellung rührte sich in Bonn allerdings überraschender Widerspruch von vielen Seiten.

Fakultätssprecher wiesen darauf hin, dass die Bindungen der Ehemaligen in erster Linie fachlich begründet sind, mithin zum Fachbereich bestehen und nicht zur Hochschule insgesamt. Die ist, wie jemand bemerkte, heute eher noch ein "gesichtsloser Kasten". Der Rektor mag eine zentrale Datenbank verwalten, die lebendigen Netzwerke wachsen von unten, aus den einzelnen Fächern, räumte auch der Präsident der Technischen Universität Berlin, Hans-Jürgen Ewers, ein.

Viele "Zöglinge", mitunter bis zu fünfzig Prozent, "werden in Deutschland zu Studienabbrechern. Manche von ihnen sind längst erfolgreiche Unternehmer, wenn künftige Absolventen noch an ihrer Diplomarbeit basteln", bemerkte Othmar Wickenheiser, Vizepräsident der Fachhochschule München. "Wie kann man diese Ehemaligen als potenzielle Imageträger in das Alumniwesen integrieren?" Auf diese Frage war in Bonn keiner gefasst.

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