Gesundheit : Weiterer Aufschub für eine Menschheitsgeißel

HERMANN FELDMEIER

Die 191 Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben Mitte Mai eine Resolution verabschiedet, die die Vernichtung der letzten Vorräte an Pockenviren auf das Jahr 2002 verschiebt (ursprünglich war der 30. Juni dieses Jahres vorgesehen). Begründet wurde dies mit der Notwendigkeit, die Struktur des Virus weiter zu erforschen.

In der Tat wurde unter Virusforschern und Gesundheitsbeamten in den letzten Jahren kaum eine Frage so kontrovers diskutiert wie das Für und Wider der Elimination der Pockenviren. Ist für die einen das endgültige Aus der Viren in einem trivialen Sterilisator ein Grund zum Jubeln, so halten andere diesen unwiderruflichen Schritt für große Dummheit.

Wie keine andere Infektionskrankheit haben die Pocken Seuchengeschichte geschrieben. Im Mittelalter gingen in den typischen "Pockenjahren" zehn Prozent aller Todesfälle auf das Konto dieser Geißel. Bei Epidemien mußte jeder fünfte Pockenkranke die als "Variola" bezeichnete Seuche mit dem Leben bezahlen. Aber auch die Überlebenden waren häufig bis an ihr Lebensende gezeichnet: 65 Prozent bis 80 Prozent behielten die unverwechselbare pockennarbige Haut, die häufig einer sozialen Stigmatisierung gleichkam. Oder sie waren auf beiden Augen blind und damit zu lebenslangen Almosenempfängern degradiert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als ein zuverlässiger Pockenimpfstoff routinemäßig eingesetzt wurde, war etwa ein Zehntel der Menschheit den Pocken zum Opfer gefallen, durch die Krankheit auf Dauer verunstaltet oder durch doppelseitige Blindheit Invalide.

Noch 1950 starben in Indien etwa eine Million Menschen an der Virusinfektion. Und selbst 1967, zu Beginn der internationalen Ausrottungskampagne, waren immerhin noch 60 Prozent der Weltbevölkerung dauernd von der "Variola" bedroht.

Kein Wunder also, daß sich die in der WHO vertretenen Nationen rasch einig waren, daß diese Geißel der Menschheit mit vereinten Kräften ausgerottet werden müßte. Die Chancen dafür standen dank der biologischen Besonderheiten des Pockenvirus nicht schlecht.

Das Variola-Virus kann sich nur in Menschen vermehren. Ein Tierreservoir, von dem aus leicht Menschen erneut angesteckt werden könnten (wie beispielweise bei der Pest), gibt es nicht. Und schließlich stand seit langem ein ausgezeichneter Impfstoff zur Verfügung (basierend auf der Kuhpockenvakzine, die Edward Jenner 1796 entwickelt hatte), der einen zuverlässigen, langdauernden Impfschutz garantierte.

Die Geschichte des Kampfes gegen die Pocken wurde dann auch zu einer Erfolgsstory der modernen Präventivmedizin: Bereits 1970 waren West- und Zentralafrika pockenfrei, 1971 folgte Südamerika und 1975 Südostasien. 1977 wurde der letzte Pockenfall in Somalia entdeckt.

1980 galten die Pocken als ausgerottet. Von diesem Augenblick an überlebte das Virus nur noch tiefgekühlt in flüssigem Stickstoff im Hochsicherheitstrakt einiger Forschungslaboratorien, zuletzt in den Centers for Disease Control in Atlanta, USA, sowie im staatlichen Institut für Virologie und Biotechnologie in Koltsovo bei Novosibirsk in Rußland.

Da in der Zwischenzeit die Struktur des Virus und sein genetischer Code entschlüsselt wurden, erscheint das endgültige Aus für das Pockenvirus wie ein logischer Schlußpunkt am Ende eines einmaligen Unterfangens in der Geschichte der Medizin: der definitiven Beseitigung eines Erregers, der über Jahrhunderte Schrecken und Tod verbreitet hatte. Doch auch praktische Gesichtspunkte sprechen für die endgültige Vernichtung des Variola-Virus. Kein auch noch so gut ausgerüstetes Hochsicherheitslabor ist vor Naturkatastrophen wie beispielsweise Erdbeben, gefeit. Pockenviren könnten bei solchen Havarien freigesetzt werden.

Welche Gründe dagegen für ein Weiterleben der Pockenviren sprechen, wurde auf einer Tagung in der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften im November letzten Jahres deutlich. Ein Argument lautete, daß eines Tages eines der anderen Mitglieder der großen Familie der Poxviridae wie beispielsweise das Affenpockenvirus - das in Afrika immer wieder zu Epidemien führt - von einem weitgehend ungefährlichen zu einem bösartigen Erreger mutieren könnte. Detaillierte molekularbiologische Kenntnisse über das Variola-Virus könnten dann helfen, einen Impfstoff gegen das veränderte Affenpockenvirus zu entwickeln.

Auch ein anderes, weniger theoretisches Argument läßt sich nicht von der Hand weisen: Das Pockenvirus hat im Laufe der Evolution wie kaum ein anderer Erreger seine Fähigkeiten optimiert, die Abwehrkräfte ins Leere laufen zu lassen (nicht zuletzt deshalb waren die Pocken eine so ungewöhnlich "erfolgreiche" Krankheit). Das Verständnis dieser Mechanismen, so die Befürworter des Pockenvirus, könnte der Menschheit im Kampf gegen andere gefährliche Erreger, die ebenfalls das Immunsystem austricksen, ausgesprochen hilfreich sein.

Russische Wissenschaftler wiesen bei der Tagung in Washington auf einen anderen Aspekt hin: im Permafrost Sibiriens liegende Leichen ehemaliger Pockenkranker könnten im Zuge der globalen Klimaerwärmung auftauen und, da sie aller Voraussicht nach vermehrungsfähige Viren enthalten, zu einer Bedrohung für die Bevölkerung werden. Daß solche Leichen vorhanden sind, beispielsweise in der Provinz von Gorno-Altayskaya, daran besteht für die Fachleute kein Zweifel. Haben russische Wissenschaftler doch bereits einige solcher Leichen exhumiert (angeblich mit dem Argument, die Evolution des Pockenvirus erforschen zu wollen). Daß sie eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

Für Peter Jahrling, leitender Virologe am US Army Medical Research Institute for Infectious Diseases in Fort Detrick, Maryland, der weltweit führenden Institution für die Erforschung gefährlicher Erreger, ist dieses Argument eher fadenscheinig. Die Russen, davon ist Jahrling überzeugt, haben grundsätzlich kein Interesse, die Pockenvirusforschung aufzugeben. Das Variola-Virus ist nämlich eine der gefährlichsten Biowaffen schlechthin.

In der Tat hat die Sowjetunion entgegen allen internationalen Vereinbarungen über Jahrzehnte Forschungen betrieben, mit der Absicht aus dem Pockenvirus einen tödlichen biologischen Kampfstoff zu entwickeln. Bekannt wurde dies, nachdem der stellvertretende Leiter des "Biopreparatprogramms", das sich mit der Herstellung biologischer Kampfstoffe beschäftigte, 1992 in die USA überlief.

Wie Ken Alibek in seinem gerade erschienen Buch "Direktorium-15 - Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg", (Econ Verlag, München) belegt, hat die ehemalige UdSSR die Ausrottung der Pocken durch die WHO und das Nichtproliferationsabkommen für biologische Waffen von 1972 bewußt als Gelegenheit genutzt, die Forschungen am Variola-Virus zu intensivieren. Bis 1989 wurden jährlich mehrere Dutzend Tonnen des Virus hergestellt und teilweise sogar in den Sprengköpfen von Interkontinentalraketen eingebracht.

Wo diese immensen Mengen des tödlichen Erregers geblieben sind, ist unklar. Wissenschaftler wie Jahrling vermuten, daß ein Teil davon in "falsche Hände" geraten ist und derzeit in Tiefkühlbehältern in wenig vertrauensvollen Ländern wie Libyen und Nordkorea lagert.

Selbst der bekannteste Verfechter für die endgültige Vernichtung der Pockenviren, der amerikanische Wissenschaftler Donald A. Henderson, der die Ausrottungskampagne der WHO leitete und mittlerweile an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, Maryland, lehrt, ist aufgrund der neuen Erkenntnisse vom Saulus zum Paulus geworden. "Ich bin überzeugt daß das Pockenvirus in Rußland wie auch anderswo illegal aufbewahrt wird", sagte Henderson kürzlich in einem Interview der Zeitschrift "Scientific American". Das offizielle Aus für die Pocken würde die heimlichen Experimente mit den Viren deshalb nicht unterbinden.

Die desolaten Zustände, die derzeit in den Labors des ehemaligen Biopreparat-Komplexes herrschen (einem Forschungsbetrieb, in dem einmal 60 000 Menschen beschäftigt waren), lassen eine solche Annahme als berechtigt erscheinen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind mehr als lax, und zahlreiche Wissenschaftler haben, wohl weil sie über Monate kein Gehalt mehr erhielten, die Labors mit unbekanntem Ziel verlassen. Bekannt ist dagegen, daß Länder wie der Irak, aber auch Syrien, der Iran und Libyen, eine Zeit lang aktiv nach Biowaffenforschern Ausschau gehalten haben.

Henderson befürchtet ebenfalls, daß sich radikale politische und religiöse Organisationen aus den Vorräten von "Biopreparat" bedient haben könnten. So ist mittlerweile bekannt geworden, daß die japanische Sekte Aum Shinrikyo, die das Giftgasattentat in der U-Bahn von Tokio anzettelte, zwischen 1990 und 1995 acht Mal versucht hat, eine Massenvergiftung durch Milzbrand- und Botulinusbakterien herbeizuführen - woher diese Biowaffen stammen, ist bis heute unklar.

Die Verwendung von Variola durch Bioterroristen ist gerade deshalb eine nicht von der Hand zu weisende Bedrohung, weil seit 1980 nirgendwo mehr auf der Welt gegen die Pocken geimpft wird, so daß nur noch etwa 20 Prozent der Bevölkerung durch Antikörper geschützt sind. Außerdem beträgt der gesamte, noch verfügbare Impfvorrat nur etwa fünf bis sieben Millionen Impfdosen. Zum Vergleich: bei der letzten Impfaktion in den USA in New York im Jahre 1947 wurden innerhalb einer Woche sechs Millionen Menschen geimpft - um eine Klein-Epidemie von acht Pockenfällen zu bekämpfen! Bei einem bioterroristischen Akt, so ein realistisches Szenario, würden aber mindestens 100 Menschen innerhalb weniger Tage erkranken.

Die amerikanische Regierung hat auf die neue Art der Bedrohung bereits reagiert. Das Budget für die Überwachung ungewöhnlicher Epidemien wurde um 22 Prozent auf 86 Millionen Dollar heraufgesetzt, eine Vielzahl regionaler Laboratorien für die Diagnostik mikrobieller Infektionen installiert und 25 infektionsmedizinische Notfallteams in amerikanischen Großstädten ins Leben gerufen.

Die offizielle Begründung der WHO für das Moratorium zur Vernichtung der letzten Pockenvirusvorräte ist also offensichtlich ein semantisches Deckmäntelchen für einen beunruhigenden Tatbestand. Die Pocken, einer der gefährlichsten Begleiter des Menschen, stehen noch lange nicht vor dem Aus, im Gegenteil. Eine plötzliche Renaissance in Form eines terroristischen Anschlags ist jederzeit denkbar.

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