Gesundheit : Welche Ärzte wollen wir?

Adelheid Müller-Lissner

Was das Sozialprestige der Berufe betrifft, so steht der Arzt in Deutschland immer noch an erster Stelle. Vom berühmten Eid des Hippokrates bis zum Genfer Gelöbnis, in dem Mediziner versprechen, ihr Leben in den „Dienst der Menschlichkeit“ zu stellen, begleiten ihn hehre Begriffe und große Erwartungen – vor allem von Seiten der Patienten.

„Doch die ungestörte Zweierbeziehung genügt heute nicht mehr“, sagt die Ärztin Christiane Woopen, Mitglied des Nationalen Ethikrats. Längst machen Dritte ihre Ansprüche geltend, seien sie nun politischer, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Art. Wird der Patient zum Kunden? Und wer trägt die Verantwortung, wenn jeder Arzt nur noch für einen Teil der Behandlung zuständig ist? Der Ethikrat fragte in seiner öffentlichen Jahrestagung vor kurzem in Berlin noch grundsätzlicher: „Welche Ärzte will unsere Gesellschaft?“

Früher wünschten sich viele vor allem einen Arzt, der aus Erfahrung klug geworden ist. „Man hat erfahrene Ärzte aufgesucht, die schon viele Fehler gemacht haben“, spitzte der Internist Peter Sawicki zu. Er leitet das neue Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin und kämpft dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse für die Ärzte in der Praxis handlungsleitend werden.

Persönliche Erfahrung sei wichtig, genüge aber allein nicht mehr. So entziehe es sich der persönlichen Wahrnehmung, welchen konkreten Gewinn sich ein Patient davon versprechen kann, jahrelang etwa ein Mittel zur Senkung der Blutfettwerte einzunehmen. So etwas kann man nur anhand großer Patientenzahlen ermitteln – und muss es als Arzt nachlesen. Anhand des Beispiels „Vioxx“ (ein Schmerzmittel, das kürzlich vom Markt genommen wurde, nachdem es bei Patienten zu Herzinfarkten gekommen war) prangerte Sawicki allerdings an, dass wichtige Informationen den Ärzten zeitweilig unterschlagen werden. Die große Mehrheit der Leitlinien, die Medizinern zur schnellen Orientierung dienen, würden mit Hilfe von Industriegeldern erstellt. „Und nur sechs Prozent der Informationen, die Ärzten in Form von Prospekten in die Praxis flattern, sind durch wissenschaftliche Studien gedeckt.“ Brauchen wir also skeptischere Ärzte? „Unser Berufsstand gehört zu den unkritischsten akademischen Professionen“, meinte jedenfalls Michael de Ridder, Internist am Berliner Vivantes-Klinikum am Urban.

Die Gesellschaft stelle an den Arzt heute zwei Anforderungen, sagte der Bielefelder Gesundheitsforscher und Soziologe Bernd Badura. „Wir brauchen den Arzt als biotechnologischen Experten und den Arzt als Berater und Helfer.“ Ethikrat-Mitglied Therese Neuer-Miebach warnte vor Selbstüberforderung: „Sie müssen heute mit Psychologen und Pädagogen zusammenarbeiten.“

Ob die Ärzte den ökonomischen Zwängen und dem Zeitdruck damit begegnen können? Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, bedauerte, dass Ärzte heute mehr Zeit am Schreibtisch als im direkten Kontakt mit dem Patienten verbringen. Allerdings kann diese Zeit auch der Informationssuche dienen, die dann der Behandlung zugute kommt.

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