Gesundheit : Welche Fächer sind relevant für Berlin? Vertreter aus Industrie, Forschung, Unis zu Sarrazins Vorschlägen

Dorothee Nolte

Finanzsenator Sarrazin hat in seinem Tagesspiegel-Interview vom 12. Mai dafür plädiert, in erster Linie „produktive“ Fächer zu fördern, die für den Standort Berlin relevant sind, und sich dabei auf den Berliner Bedarf zu konzentrieren. Mit diesen Aussagen stößt er nicht nur an den Universitäten selbst auf Ablehnung, sondern auch bei Vertretern von Industrie und Forschung. Hans-Olaf Henkel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und ehemaliger Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie, ist – bei aller Wertschätzung von Sarrazins Arbeit – gegen eine „Diskriminierung der Geistes- und Sozialwissenschaften“. Sie würden schon deshalb gebraucht, weil Naturwissenschaftler oft nicht die richtigen Fragen stellten, sagte er dieser Zeitung. Dass es in den Massenfächern der Geistes- und Sozialwissenschaften viele Verlegenheitsstudenten gebe, könne nur so bekämpft werden: „Studiengebühren und Eingangsprüfungen“.

Jürgen Sebald, Personalleiter eines Teilbereichs bei Siemens hält es für „gefährlich, die Studienwahl steuern zu wollen oder zu denken, diese oder jene Fächer können wir uns sparen. Wer weiß schon, was in fünf Jahren gebraucht wird?“

„Altmodisch und zu kurz gedacht“ findet Wedig von Heyden, Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Sarrazins Äußerungen. Zum einen hätten sich bisher noch alle Bedarfsprognosen als falsch erwiesen. Zum anderen seien Geisteswissenschaftler jenseits ihrer Fachqualifikation in vielen Berufen erfolgreich.

Gerade in Berlin hätten sich die Chancen für Absolventen seines Faches seit dem Regierungsumzug erhöht, sagt der Politologe Herfried Münkler (Humboldt-Universität). Beide Berliner Universitäten bildeten junge Menschen aus, die etwa als Assistenten von Bundestagsabgeordneten oder in der Ministerialbürokratie tätig sein könnten. Das Problem der Verlegenheitsstudenten könnten die Universitäten nicht alleine lösen, auch nicht durch NCs oder Auswahlgespräche. „Die Universität hat eben heutzutage auch die Funktion, den Arbeitsmarkt zu entlasten.“ Die einzige Lösung heiße: Studiengebühren. „Nur damit kann man die Ernsthaftigkeit der Studienwahl überprüfen.“

Der Staats- und Völkerrechtler Philip Kunig, Dekan seines Fachbereichs an der Freien Universität, ärgert sich besonders über Sarrazins Formulierung, Berlin bilde über seinen Bedarf hinaus Juristen aus. „Wissenschaftliche Juristenausbildung dient nicht einem lokalen Bedarf“, sagt er. Junge Juristen arbeiteten in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, von international vernetzten Anwaltskanzleien über die Verwaltungen von Bund und Ländern bis hin zu internationalen Organisationen. „Der Senator möchte wohl den juristischen Blick auf die bezirklichen Rathäuser gerichtet wissen oder die Ausbildung auf das Geschehen im Kriminalgericht Moabit konzentrieren.“

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