Gesundheit : Welt-Wirbelsäulenkongress: Neue Chancen für Gelähmte begeistern die Fachwelt

Gerald Mackenthun

Angelo Colombo ist Maler und Amateurboxer. 1995 fiel er vom Dach und brach sich das Rückgrat - Querschnittslähmung. Die Ärzte sagten ihm, er werde nie wieder gehen können. Bis der Unglückliche auf den italienischen Neurochirurgen Giorgio Brunelli traf. Dank einer von Brunelli entwickelten radikalen neuen Operationsmethode steht Angelo heute wieder auf eigenen Beinen. Er kann nach Auskunft des Arztes sogar 50 bis 60 Schritte laufen und Auto fahren. Der Maler brauche jedoch nach wie vor Gehstützen; ein freies Laufen wie früher werde nicht möglich sein.

Eher nebenbei berichtete der in Imola wohnende Brunelli auf dem bis Freitag in Berlin stattfindenden Welt-Wirbelsäulenkongress über "den weltweit ersten Menschen, der nach einer Querschnittslähmung willentlich laufen kann". Selbst die anwesenden Fachkollegen waren überrascht, denn der emeritierte 75-jährige Italiener hat bislang wenig über den Fall veröffentlicht. Seinen Patienten hatte er in der Clinica Ortopedica der Universität Brescia operiert.

Der Münchner Orthopäde und Chirurg Johannes Hellinger nannte die Operationstechnik "einmalig und sensationell". Brunelli sei der einzige weltweit, der diesen Eingriff gewagt und zu einem erstem Erfolg geführt habe. Auch andere Spezialisten zeigten sich beeindruckt. Bislang galt es als unumstößlich, dass eine Durchtrennung des Rückenmarks nach Unfällen nicht rückgängig gemacht werden kann.

Brunelli verlegte bei Angelo an beiden Armen jeweils einen Armnerv, der den vierten und den kleinen Finger steuert, von der Schulter aus unter der Haut zu einem wichtigen Hüftnerven. Anfangs hatte Angelo Probleme damit. "Wenn er die Hand bewegen wollte, zuckte sein Bein", erzählte Brunelli. "Durch intensives Traininig lernte er, an seine Hand zu denken, wenn er gehen will." Bislang vier Mal hat Brunelli nach eigenen Angaben diese Operation durchgeführt; die drei anderen Patienten seien allerdings noch nicht so weit wie Angelo. Vor wenigen Wochen probierte Brunelli eine andere Methode aus. Er entnahm bei einer jungen Frau auf beiden Seiten je einen langen Oberschenkelnerv und schuf mit ihm eine neue Verbindung zwischen dem letzten intakten Brustwirbel und den drei wichtigen Oberschenkelnerven. Die Nervenenden wurden in der insgesamt zwölfstündigen Operation mit herkömmlichen mikrochirurgischen Methoden verknüpft. Auch darüber findet sich in der Fachpresse nur eine einzige Veröffentlichung.

Die Reparatur des Rückenmarks nach Durchtrennung ist eine der großen medizinischen Herausforderungen. Nervenzellen können sich in gewissem Umfang regenerieren, erläuterte Martin Schwab vom Institut für Hirnforschung der Universität Zürich, aber nie mehr als einen Millimeter lang. Mit speziellen Wachstumsfaktoren gelang es bislang in Zellkulturen und an Ratten, die Regenerationsstrecke auf einige Zentimeter zu verlängern. Die Ratten lernen wieder, sich zu bewegen, wenn auch unsicher.

"Die Ähnlichkeit der Biologie von Ratte und Mensch auch in Bezug auf Nervenwachstum geben Anlass zur Hoffnung, dass dies in nicht allzu ferner Zukunft zu neuen Therapien für querschnittsgelähmte und hirnverletzte Menschen führen wird", meint Schwab. Brunelli verfolgt das gleiche Ziel auf anderem Weg, indem er bis zu 45 Zentimeter lange Nervenfaserbündel verlegt oder transplantiert.

Die Einheilung dauert nach Brunellis Worten allerdings sehr lange. Die Funktionsfähigkeit des Nervs arbeite sich vom Punkt der Schädigung an Tag für Tag nur etwa einen Millimeter voran. Deshalb dauere es gut 18 Monate, bis die Verbindung steht und ein Geh-Befehl des Kopfes auch wirklich im Bein ankommt.

An der Heilung der Querschnittslähmung arbeiten mehrere Ärzteteams weltweit. In Straßburg (Frankreich) war es Anfang des Jahres gelungen, einem Querschnittsgelähmten mit einem implantierten Mikrochip das Stehen und Gehen zumindest in Ansätzen wieder zu ermöglichen.

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