Gesundheit : Weltgipfel der Studenten Jungdiplomaten proben die Kunst des Verhandelns

Julia Ziegler

Der Vertreter Pakistans gefällt Dieter Woltmann am besten. Woltmann ist Ausbilder für junge Diplomaten und hört der Rede des pakistanischen Delegierten zu. Der ist erst 20 Jahre alt, aber sein grauer Anzug sitzt perfekt, die rote Krawatte ist sorgfältig gebunden und die Haare sind gestutzt und in Form gebracht. „Wir betrachten diesen Antrag mit Kopfschütteln“, ruft er ins Mikrofon. Dieter Woltmann lacht anerkennend. Er mag die rhetorische Gewandtheit und die leichte Ironie des Mannes.

Der Vertreter Pakistans ist eigentlich Deutscher, heißt Andreas Stolpe und studiert Politik an der Freien Universität Berlin. Stolpe nimmt an einem zweitägigen Planspiel teil, in dem eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates simuliert wird. 27 angehende Diplomaten aus dem Auswärtigen Amt und 18 Studenten aus verschiedenen Universitäten befassen sich in einer „Sondersitzung“ des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen mit der aktuellen Situation im Irak. Die 15 Länder im Sicherheitsrat werden jeweils von zwei bis drei Teilnehmern vertreten, die Bedingung: niemand darf sein eigenes Land repräsentieren. „So blicken die Teilnehmer über ihren nationalen Tellerrand hinaus, und können gleichzeitig ihr Geschick beim Führen von Verhandlungen überprüfen“, sagt Peggy Wittke, die Organisatorin des Planspiels und wissenschaftliche Angestellte an der FU.

Hier gibt es keine Studenten in abgerissenen Jeans und mit rebellischer Haartracht. Die jungen Frauen tragen schwarze Röcke mit Nylonstrümpfen, die Männer Anzug und Krawatte. Auf den Tischen stehen kleine Landesflaggen, vor jedem Platz befindet sich ein Mikrofon und ein Kopfhörer. Zwei Dolmetscher in einer Glaskabine übersetzen die Redebeiträge.

Die Jungdiplomaten des Auswärtigen Amtes, die an dem Planspiel teilnehmen, stammen aus Mittel- und Osteuropa, Transkaukasien, Zentral- und Ostasien und Afghanistan. Sie verbringen ein Vierteljahr in Deutschland, um außenpolitische Erfahrungen zu sammeln. Die 30jährige Nazifer Langaryan mit geschminkten Lippen und silbrig lackierten Fingernägeln kommt aus Kabul. Jedes Mal, wenn sie den Kopfhörer abnimmt, zieht sie ihr Kopftuch wieder über die langen Haare. „Es war nicht einfach für sie, als unverheiratete Frau hierher zu kommen“, sagt Woltmann. „Arbeit für Frauen ist in Afghanistan immer noch ungewöhnlich, über 90 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten.“

Die Studenten, die zusammen mit den Jungdiplomaten in dem Senatssaal sitzen, mussten sich für die Teilnahme an dem Planspiel bewerben. Aus rund 40 Bewerbungen hat Peggy Wittke 18 Studenten ausgewählt. Es ist jetzt schon das sechste Planspiel, das die Freie Universität in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt durchführt.

Diesmal berät der „Sicherheitsrat“ über die Rolle der Vereinten Nationen und die Sicherheitslage im Nachkriegs-Irak. Wer soll die Verwaltung im Irak übernehmen, sollen die Vereinten Nationen Soldaten in den Irak schicken, wann sollen die Truppen wieder zurückgezogen werden? Je nach Diskussionsstand drohen entweder Amerika, Frankreich oder Russland mit ihrem Vetorecht, mit dem sie jede Entscheidung im Sicherheitsrat blockieren können. „Egal, für welche Lösung wir uns entscheiden, ein Land wird sein Veto einlegen“, sagt die Vertreterin Mexikos resigniert. Tatsächlich, auf die Verabschiedung einer Resolution kann sich der Sicherheitsrat am Ende des Planspiels nicht einigen. „Pakistan ist enttäuscht, dass in letzter Sekunde bereits Zugesagtes wieder zurückgenommen wurde“, sagt Andreas Stolpe. So ist das eben mit der Politik, im Planspiel wie im wirklichen Leben.

Mehr zum Thema im Internet:

www.fu-berlin.de/jura /, Stichwort Model United Nations. Das nächste Planspiel findet voraussichtlich im Februar 2004 statt. Teilnehmen können Studierende aller Fachrichtungen und aller Hochschulen.

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