Gesundheit : Weltkongress "Biotechnik": "Bitte nicht klonen!" - Reinhard Kurth im Interview

Herr Professor Kurth[kennen Sie Ihr Genom?]

Reinhard Kurth ist Direktor des für Gentechnik zuständigen Robert-Koch-Instituts in Berlin. Als Mitglied des wissenschaftlichen Komitees war der Mediziner für die Gestaltung des Biotechnik-Weltkongresses im ICC in dieser Woche mitverantwortlich.

Herr Professor Kurth, kennen Sie Ihr Genom?

Nein, das will ich auch gar nicht kennen lernen. Die Defekte, die da im Erbgut verankert sind, lassen wir doch lieber im Dunkeln.

Welche Folgen hat aus Ihrer Sicht die Entschlüsselung des Genoms?

Es gibt zum Beispiel zwei Gruppen von Erkrankungen, bei denen man die genetischen Ursachen mit Hilfe des Wissens aus dem Erbgut aufklären wird. Zum einen sind es die monogenen, nur durch ein einziges defektes Erbmerkmal hervorgerufenen angeborenen Leiden. Das sind die typischen Erbkrankheiten, deren Entwicklung man auch mit Tests vorhersagen kann. Ein positives Testergebnis würde künftig auch zu psychologischen Problemen und zu Missbrauchsmöglichkeiten führen, wenn Sie etwa an Versicherungen denken, die theoretisch Tests verlangen könnten. Die viel größere Gruppe von Krankheiten - nämlich Krebs - wird aber meist durch mehrere "beschädigte" Gene hervorgerufen, wie sie sich im Laufe des Lebens in einer Zelle anreichern können. Auch diese Gene werden nun entdeckt und die Bekämpfung der entsprechenden Leiden so erleichtert.

Wird nicht das ganze Genom-Projekt unter dem Informationsmüll aus drei Milliarden DNS-Buchstaben begraben?

In den letzten Jahren konnten Methoden entwickelt werden, die es durchaus erlauben, für bestimmte Krankheiten wichtige Gene oder Genketten zügig zu erkennen. Das gibt natürlich der Pharmaindustrie Möglichkeiten, Medikamente zu entwickeln, die Krankheiten therapieren oder gar nicht entstehen lassen. Die Industrie setzt dabei vorwiegend auf kleine Peptide, also auf Bruchstücke großer Eiweißmoleküle, wie sie von den Genen kodiert werden. Solche Peptide können auch als Pille geschluckt werden, was für die Behandlung lang andauernder Leiden besonders wichtig ist.

Werden die Möglichkeiten nicht überschätzt?

Nein. Die Möglichkeiten sind enorm. Zwar ist es richtig, dass noch kein Medikament auf dem Markt ist, das aus der Genomforschung gewonnen wurde. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass in diesem Jahrzehnt neue Therapeutika auf den Markt kommen.

Zum Beispiel?

Man kann etwa herausfinden, welche Gene im Gewebe bei einer Entzündung aktiv sind. Wenn diese Erbmerkmale bekannt sind, kann man medizinische Hemmstoffe entwickeln. Man wird auch Krebs erzeugende Gene in ihrer Aktivität bremsen können.

Und was ist mit den Rückschlägen in der Gentherapie?

Sie spielen auf den Todesfall vor einigen Monaten an, als ein Patient Viren in die Leberschlagader gespritzt bekam. Man muss aber auch sehen, dass in den letzten Monaten mehrere Studien veröffentlicht wurden, die Hoffnungen wecken. So kann man die Hämophilie A - eine Form der Bluterkrankheit, bei der das Blutgerinnungseiweiß Faktor 8 fehlt - über Wochen und Monate kurieren, indem man Zellen außerhalb des Körpers mit dem Faktor-8-Gen "impft" und sie dann dem Kranken zurückgibt. Oder nehmen Sie die Behandlung der im Bereich von Hals und Nacken ziemlich bösartigen Bindegewebstumoren. Man hat in diese Sarkome ein Krebs zerstörendes Virus gespritzt. Es vernichtete nur jene Zellen, in denen ein gegen krebsartiges Wachstum schützendes Erbmerkmal zerstört war. Also lediglich die kranken Zellen. Aber was wir brauchen, sind große Studien mit vielen Patienten. Um zu sehen, ob sich diese guten Ergebnisse bei der Gentherapie bestätigen.

Brauchen wir denn neue Gesetze für die Gentechnik? Oder haben wir zu viele Gesetze?

Ich glaube, bei der Gentechnik reichen die Gesetze aus. Das gilt aber nicht für das Gebiet der Reproduktionsmedizin. Da hat es enorme wissenschaftliche Fortschritte gegeben. Das Embryonenschutzgesetz genügt nicht mehr, diese Entwicklungen zu erfassen. Ich denke da vor allem an die embryonalen Stammzellen, die aus befruchteten, ein paar Tage alten Embryonen gewonnen werden. Bei uns ist die Herstellung menschlicher embryonaler Stammzellen verboten. In den USA und in Großbritannien aber will man nun die Bestimmungen liberalisieren und die Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen, die nicht älter als 14 Tage sind, erlauben und staatlich fördern. In Deutschland wird man aber meiner Einschätzung nach das Gesetz nicht in dieser Richtung entwickeln.

Ist das auch Ihre persönliche Meinung?

Ich denke, dass es ethisch verantwortbar ist, etwa bis zum 14. Tag nach der Befruchtung an embyronalen Stammzellen zu forschen, wie sie bei der Reagenzglasbefruchtung entstehen. Diese Zellen würden sonst vernichtet werden. Man kann dieses enge Zeitfenster nutzen, um Gewebe für den Zellersatz zu gewinnen, zum Beispiel um Parkinson-Patienten mit neuronalen Stammzellen zu helfen. Das ist aber meine persönliche Meinung, nicht die des Leiters des Robert-Koch-Instituts. Ich glaube auch nicht, dass sie gegenwärtig mehrheitsfähig ist. Bei unseren Überlegungen in dieser sehr schwierigen Frage müssen wir auch an die sehr vielen Patienten denken, die - nicht selten schwer krank - auf Organ- oder Zellersatz warten.

Wie steht es mit dem reproduktiven Klonen, also dem Herstellen eines Menschen, dessen Erbgut dem eines existierenden gleicht?

Reproduktives Klonen bitte nicht. Kleine Homunkuli, die alle identisch aussehen - ich finde das grauenhaft. Was aber viel wichtiger ist: aus ethischen Gründen halte ich das Klonieren eines neuen Menschen aus einem einzelnen Menschen für völlig inakzeptabel.

In der Biotechnik und der Genforschung hat Amerika einen erheblichen Vorsprung. Kann denn der Berliner Welt-Kongress dazu beitragen, dass er geringer wird?

Der Vorsprung der USA ist zweifellos vorhanden. Die innovativen deutschen Pharmafirmen haben sich allesamt in amerikanische Biotechnik-Firmen eingekauft. Und attraktive Firmen kauft man gleich ganz auf. Der Kongress wird sicher zu einer weiteren Verbreitung der Technologiekenntnisse führen. Aber eine Tagung, die so stark mit Vertretern aus der Industrie und dem ökonomischen Bereich besetzt ist, wird kaum Neuigkeiten bringen, die nicht bereits durch Patente abgesichert sind.

Und wo steht die deutsche Biotechnik?

Seit drei, vier Jahren gibt es ja eine regelrechte Gründungswelle von kleinen Biotechnik-Unternehmen. Es gibt sogar schon Fusionswellen unter kleinen Firmen, oder große Unternehmen kaufen sich ein, wenn die Technologieplattform viel versprechend ist. Ich denke, dass wir hier in Deutschland im europäischen Vergleich sehr stark aufgeholt haben und mit den Briten in Europa an der Spitze liegen.

Was ist denn die deutsche Biotechnik-Metropole?

Es hat eine deutliche Verschiebung zu Gunsten Berlins gegeben. Aber sehr stark, wenn man etwa die Zahl der Firmenneugründungen betrachtet, ist natürlich München-Martinsried im Rennen, ebenso die Regionen Heidelberg und Köln.

Wie sehen Sie die derzeitige Situation der Gentechnik in Deutschland?

Wir vom Robert-Koch-Institut sind für die Gefahrenabschätzung zuständig. Bei der roten Gentechnik sehe ich wenig Risiken und eine sehr große Akzeptanz in der Gesellschaft. Das war vor zehn Jahren anders. Es sind eben bereits gentechnisch veränderte Medikamente auf dem Markt, die sich bewährt haben. Aber bei der grünen Gentechnik, der Pflanzen-Biotechnik, sehe ich eine Entwicklung, die so vor zwei, drei Jahren nicht vorhersehbar war - nämlich doch eine sehr große Ablehnung unter den Verbrauchern. Wobei man hinterfragen darf, wie weit diese informiert sind. Wenn in den Medien immer von "genmanipuliert" gesprochen wird, dann ist dieser Begriff natürlich schon negativ besetzt. Man könnte ja auch "genetisch verändert" sagen.

Und wie reagiert die Politik auf das Misstrauen?

Unser Bundeskanzler will ja eine dreijährige Forschungsphase einschieben, in der gentechnisch veränderte Pflanzen auf kleinen Flächen ausgebracht und ihre Wirkung auf die Umwelt in erweitertem Umfang erforscht werden soll. Insbesondere will man wissen, ob die Pflanzen auch Nützlingen zusetzen. Ich kann mich mit dieser dreijährigen Forschungsphase sehr gut anfreunden, denn ich glaube, eine solche Technologie braucht die Aktzeptanz der Meinungsbildner in Politik und Medien. Nur so kann auch die Bevölkerung überzeugt werden. Auf der anderen Seite muss man ganz nüchtern feststellen: wir haben ja bereits eine ganze Menge gentechnisch veränderter Enzyme, die zur Lebensmittelproduktion eingesetzt werden, etwa für Jogurt oder Käse. Diese Enzyme werden bei der Herstellung so gut wie immer vernichtet. Der Verbraucher ist sich nicht im Klaren, wie stark solche Methoden schon eingesetzt werden. Und bedenken Sie, in wie vielen Lebensmitteln Soja ist, das in den USA bereits in großem Umfang gentechnisch verändert angebaut wird.

Warum lehnen Gruppen wie "Greenpeace" oder manche Politiker die grüne Gentechnik ab?

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Firmen meist Pflanzen hergestellt haben, die gegen Unkrautvernichtungsmittel oder Schädlinge resistent sind. Aber ein klarer Vorteil für den Verbraucher sind die Pflanzen nicht. Wie wäre es dagegen mit Rüben, die mehr Zucker, oder Kartoffeln, die ein Vielfaches an Stärke enthalten? Für Entwicklungsländer wären solche Pflanzen ein großer Fortschritt. Solche Produkte würden auch die Akzeptanz erhöhen.

Eine dreijährige Forschungsphase kommt ja einem Moratorium, einem Entwicklungsstopp gleich. Was sagen denn die Amerikaner dazu?

Es würde voraussichtlich zu heftigen politischen Auseinandersetzungen kommen, wenn wir den Import von gentechnisch verändertem Mais oder Soja aus den USA auch in Zukunft völlig unterbinden würden. Aber andersherum: Was nutzt es den Firmen, wenn sie Produkte herstellen, die sie nicht verkaufen können?

Wann erwarten Sie die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel?

Ich erwarte nicht, dass die Kennzeichnung sehr bald kommt. In Brüssel hat man sich noch nicht über das Ausmaß der Kennzeichnung geeinigt. Diese wird vermutlich nur jene Lebensmittel erfassen, in denen noch fremde Erbsubstanz enthalten ist, nicht Produkte, bei denen im Laufe der Herstellung oder von vornherein die fremde DNS wieder eliminiert wurde. Denn man kann eine solche Regelung ja auch überziehen - nämlich dann, wenn man fast jedes Produkt kennzeichnen muss. Dann wird die Zielsetzung ad absurdum geführt.

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