Gesundheit : Weltweit größtes Programm bringt Praktikanten im Ausland unter - Firmen über Gäste begeistert

Claudia Kurreck

Lichter blinken, ein Computer surrt. Vor einer chemischen Apparatur mit unendlich vielen mysteriös aussehenden Kabeln steht Lori Andrews. Mit einem weißen Kittel bekleidet spritzt sie konzentriert eine farblose Substanz in ein Reagenzglas. Die 28-jährige Kanadierin ist seit drei Monaten als Austauschpraktikantin in Berlin. Sie arbeitet im Institut für Chemie des GKSS Forschungszentrums in Teltow, das zur Helmholtzgemeinschaft gehört. Hier werden hauptsächlich Membranen für eine neue Trenntechnik entwickelt.

Vermittelt hat Andrews den Job in dem Institut das internationale Praktikantenaustauschprogramm IAESTE (International Association for the Exchange of Studies for Technical Experience). Es bietet Studenten der Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie der Land- und Forstwirtschaft nach Abschluss ihres Grundstudiums die Möglichkeit, ein zwei- bis sechsmonatiges Praktikum im Ausland zu absolvieren. Die Aufgaben dieses internationalen und unabhängigen Programms, das im nächsten Jahr sein fünfzigjähriges Jubiläum feiert, werden hierzulande vom Deutschen Akademischen Austauschdienst wahrgenommen.

Finanziell wird IAESTE vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie und dem Auswärtigem Amt unterstützt. So erhalten Praktikanten, die nach Deutschland kommen, einen Zuschuss von 1100 Mark monatlich. Die Vergütung soll die Lebenshaltungskosten der Studenten während des Aufenthalts im Gastland decken. Auch die deutschen Studierenden werden aus Programm-Mitteln so unterstützt, dass sie sich ein bescheidenens Leben im Gastland finanzieren können. Seit dem Start des Programmswurden weltweit mehr als 300 000 Praktika in rund 60 Ländern vermittelt. Damit ist IAESTE die weltweit größte Praktikantenaustauschorganisation.

Ihr Wissen als biologische Ingenieurin kann Lori Andrews bestens in dem Projekt einbringen, das sie zusammen mit dem Verfahrenstechniker Roland Hilke bearbeitet. Beide wollen ein Doppelfiltermodule entwickeln. Später einmal soll es zur Blutentgiftung bei Patienten eingesetzt werden. "Mir macht das alles großen Spaß, und ich lerne eine Menge hier", erzählt Lori Andrews. Auch der Institutsleiter in Teltow, Dieter Paul, ist zufrieden: "Wir sind froh, dass Frau Andrews ihr Fachwissen bei uns einbringen kann. Nächstes Jahr werden wir uns wieder um eine ausländische Praktikantin bemühen."

Lori ist bereits das zweite Mal mit Hilfe des IAESTE-Programms in Deutschland. Nachdem sie ihr Grundstudium abgeschlossen hatte, absolvierte sie ein Praktikum an der Uni in Freiburg, nach dem Ende ihres Bachelor-Studiums im Mai ist sie nun nach Berlin gekommen. "Ich hoffe, dass ich nun mit meiner gesammelten Auslandserfahrung bessere Chancen bei der Jobsuche habe", sagt sie. Von der Betreuung durch IAESTE ist sie begeistert: "In den drei Monaten, die ich hier bin, wurden Exkursionen nach Prag, Hamburg, Amsterdam und zum Münchner Oktoberfest organisiert." Miriam Wiechert, ehrenamtliche Betreuerin vom hiesigen IAESTE, ergänzt: "Außerdem treffen sich alle Austauschstudenten, die in Berlin sind, einmal wöchentlich zum Stammtisch." So kommt auch der kulturelle Austausch nicht zu kurz.

Die Verständigung zwischen den Teilnehmern und den Kollegen des Gastlandes ist kein Problem. Englischkenntnisse sind - neben einem abgeschlossenen Grundstudium - Voraussetzung für alle Hochschüler, die als Praktikanten ins Ausland wollen.

Für die Studierenden ist das Programm "sehr bequem, da IAESTE den Arbeitsplatz, alle Formalitäten und die Unterkunft organisiert", erzählt Florian Süß, Student der Agrarwissenschaften an der TU München. "Man muss sich selbst nur noch um das Flugticket kümmern." Im August und September diesen Jahres war er in Almaty in Kasachstan. Dort arbeitete er zunächst in der Bäckerei der Uni, dann in der dazugehörigen Mühle. Der Aufenthaltsort wurde ihm vom DAAD zugeteilt - Glück oder Pech? "Man muss eben flexibel sein", meint Florian Süß. Mit der Organisation der Technischen Hochschule in Almaty war er allerdings nicht ganz zufrieden. "Sie waren auf meine Ankunft nicht vorbereitet", erzählter. Auch sei die Bäckerei kurz nach seiner Ankunft geschlossen worden, ebenso die Mühle. Der Vater seiner deutsch sprechenden Gastfamilie hat Florian Süß jedoch einige Exkursionen in eine Brauerei, eine Süßwarenfabrik und eine Brotfabrik ermöglicht. "Insgesamt war mein Aufenthalt in Kasachstan aber lohnend", meint er über sein fünfwöchiges Praktikum, und empfiehlt es weiter.

Nicht nur Praktikanten, auch die Unternehmen und Hochschulen profitieren vom Austausch. Die Beschäftigung junger Ausländer ist für sie ein geeignetes Mittel, Verbindungen zum Ausland zu knüpfen und auszubauen. Für viele deutsche Unternehmen gehören Studierende aus aller Welt mittlerweile zu einem festen Bestandteil ihrer Personalpolitik.

Die Bundesanstalt für Materialprüfung in Berlin beschäftigt beispielsweise jährlich zwischen 25 und 27 ausländische Jugendliche. "Wir wollen weltoffen sein", sagt Gudrun Bartholmai, Sachbearbeiterin und Betreuerin der Austauschstudenten in der Bundesanstalt. "Wir haben hier rundweg positive Erfahrungen mit den jungen Leuten gemacht, daher beteiligen wir uns schon seit 20 Jahren an dem Programm." Der interkulturelle Austausch sei für alle Beteiligten belebend, oft würden die Mitarbeiter sogar auch privat Exkursionen mit den Praktikanten unternehmen.

Auch die Technische Universität Berlin beschäftigt im Rahmen des IAESTE-Programms jährlich 60 bis 70 ausländische Studenten. Sie beteiligen sich an den Forschungsprojekten der Fachbereiche oder bekommen in einzelnen Fällen auch einmal eigene Projekte. Die Praktika sollen den ausländischen Hochschülern in Deutschland die Möglichkeit geben, ihre während des Grundstudiums erworbenen Kenntnisse anwendungsorientiert zu erweitern. Vor allem aber wird der Auslandsaufenthalt am Ende jedem zeigen, ob er in der Lage ist, sich in einer fremden Kultur zurecht zu finden.Weitere Informationen bei: Deutsches Komitee der IAESTE im Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), Kennedyallee 50, 53175 Bonn, Telefon: 0228 / 8820-231, Fax: 0228 / 882-550, E-mail: iaeste@daad.de , Internet: www.iaeste.de

IAESTE-Lokalkomitee (TU): Telefon: 030 / 314-22549, Fax: 030 / 3121822, E-mail: berlin@iaeste.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar