Gesundheit : Wem Ehre gebührt

Die alte Berliner Universität, um deren Erbe gestritten wird, hatte weniger Nobelpreise als gedacht

Stefanie Schwarz

Die Humboldt- und die Freie Universität streiten sich um Berlins Erbe. Wem gehören die Nobelpreisträger der alten Berliner Universität? Aus Sicht der Humboldt-Universität nur ihr allein. Die Hochschule, die seit 1949 diesen Namen trägt und in den Räumen der 1810 gegründeten Berliner Universität sitzt, betrachtet sich als deren alleinige Nachfolgerin. Die FU dagegen meint, auch ihr gehöre ein Teil der ruhmreichen Berliner Forschungsgeschichte. Schließlich sei die Uni 1948 nur deshalb im Westteil der Stadt gegründet worden, weil die Kommunisten im Ost-Sektor die freie Forschung zu unterdrücken begannen.

Der Konflikt ließe sich als Posse abtun. Doch für Berlin ist er schon deshalb mehr, weil es um die Geschichtsdeutung der geteilten Stadt geht. Und die heftigen Reaktionen der beiden Uni-Präsidenten verweisen auf die harte Konkurrenz unter beiden Universitäten. Es geht um das Renommee in der Forschung – das im Kampf um Fördermittel und die besten Studenten in einer globalisierten Hochschulwelt immer wichtiger wird. „Jede Universität versucht, etwas aus der Ehre der Nobelpreise herauszuholen“, sagt Nicolaas Rupke vom Institut für Wissenschaftsgeschichte in Göttingen. Und nicht nur die Hochschulen in Berlin.

Die Universität Cambridge zum Beispiel schreibt sich alle Nobelpreisträger zu, deren Lebensläufe auf irgendeine Art mit der Hochschule verknüpft sind. Es reicht ihr, dass der Forscher hier einmal studiert oder als Gastprofessor unterrichtet hat, sei es auch nur für ein Semester. Genauso entstand auch die Liste mit den 29 preisgekrönten Forschern der Berliner Universität, die die Humboldt-Universität stolz auf ihrer Homepage im Internet präsentiert. Die amerikanische Spitzen-Universität Stanford hingegen schränkt ihre Auswahl ein: Die Wissenschaftler müssen in Stanford arbeiten oder bis zu ihrer Pensionierung dort gewesen sein – ganz gleich, wo sie für den hoch dotierten Preis geforscht haben.

Wann gehört ein Nobelpreisträger zu einer Universität? Reicht wirklich schon eine Gastprofessur? Je strengere Regeln man anlegt, desto stärker wird auch die stolze Riege der 29 Männer ausgedünnt, die die Humboldt-Universität als ihre Nobelpreisträger betrachtet. Da ist zum Beispiel das Shanghai-Ranking, dessen Liste der weltbesten 500 Unis die Debatte zwischen FU und HU ausgelöst hatte. Im Jahr 2003 hatten die chinesischen Wissenschaftler alle Nobelpreisträger der alten Berliner Universität der FU zugeschlagen, diese belegte deshalb Platz 95. Die HU, die leer ausgegangen war, beschwerte sich – und bekam jetzt alle ruhmreichen Forscher allein zuerkannt. Nun liegt die FU etwa 200 Plätze hinter der HU.

Die Shanghaier rechnen Nobelpreisträger einer Uni zu, die dort entweder Studenten oder Doktoranden waren – aber nur, wenn sie auch dort ihren Abschluss gemacht haben. Oder sie waren Mitarbeiter der Hochschule, als der Preis verliehen wurde. Je länger der Preis zurückliegt, desto weniger fällt er ins Gewicht beim Ranking: Nobelpreise zwischen 1991 und 2000 zählen 100 Prozent, die aus den Jahren zwischen 1911 und 1920 nur zehn Prozent. Auszeichnungen vor 1911 ignorieren die chinesischen Forscher. Neun der 29 Berliner Koryphäen werden durch diese Regel also nicht mitgezählt.

Doch auch bei 20 Berliner Preisträgern bleibt es nicht. Denn nur 16 davon erfüllen die Shanghai-Kriterien. Die Nobelpreise von Werner Heisenberg, Hans Speemann und Max Born stammen zwar aus den Jahren 1932, 1935 und 1954, können aber trotzdem nicht berücksichtigt werden. Die Forscher haben weder einen Abschluss in Berlin gemacht, noch waren sie zum Zeitpunkt der Preisverleihung an der Berliner Universität. Außerdem hat der Chemiker Otto Hahn weder in Berlin studiert noch gehörte er der Uni bei der Preisübergabe im Jahr 1944 an. Er hat sich dort lediglich im Jahr 1907 habilitiert, war bis 1934 zuerst Privatdozent, dann außerordentlicher Professor.

Die Ehrengarde der Berliner Universität schrumpft noch weiter, wenn man diejenigen Männer ausnimmt, die dort zwar gelehrt, aber hauptsächlich an außeruniversitären Instituten geforscht haben. So zum Beispiel der Physiker Albert Einstein. Er hat zwar an der Berliner Universität Vorlesungen und Seminare abgehalten, arbeitete ansonsten aber am Kaiser-Wilhelm-Insitut für Physik in Berlin-Dahlem (heute Max-Planck-Institut).

Der Wissenschaftshistoriker Rupke legt noch engere Auswahlkriterien an: „Eigentlich zählen Nobelpreisträger nur zu einer Universität, wenn sie auch dort für den Preis geforscht haben.“ Nur das spreche für die Qualität einer Einrichtung. Auf der Liste der Berliner Unis blieben somit zwischen 1901 und 1956 noch neun Würdenträger übrig (in der Grafik durch Unterstriche gekennzeichnet). Einer davon ist Max Planck, der von 1889 bis 1926 Professor an der Berliner Universität war, dort forschte und 1918 dafür den Physik-Nobelpreis erhielt.

In vielen Fällen ist es allerdings schwierig, den genauen Ort der „Nobel-Forschung“ festzustellen. Denn viele Wissenschaftler arbeiteten über Jahre oder Jahrzehnte an einem Thema und wechselten häufig das Institut. So auch der Chemiker Walther Nernst: Er war 1890 bis 1906 an der Uni Göttingen und anschließend an der Berliner Universität. 1920 erhielt er den Chemie-Nobelpreis. Beide Unis müssen sich demnach den Ruhm teilen.

Ob nun neun oder 29: Wem die Nobelpreisträger gehören – der Humboldt- oder zugleich auch der FU – ist eine Frage der historischen Bewertung. Fest steht jedoch, dass die Humboldt-Uni seit rund 80 Jahren keinen Nobelpreisträger hervorgebracht hat, legt man Rupkes harte Kriterien an. Nimmt man die etwas liberaleren Shanghai-Kriterien zum Maßstab, gibt es seit 48 Jahren keinen Nobelpreisträger an beiden Unis. Der Streit aber geht weiter. „Bisher haben wir uns noch nicht in Shanghai beschwert, werden diese Möglichkeit aber prüfen“, sagt Dieter Lenzen, Präsident der FU.

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